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Samstag, 2. Juli 2011

Politische Tagessuppe

Tagessuppe "Ausschussprotokolle"

Suppe auslöffeln!

Zubereitung

1. Mijotieren
Die Auswertung der dargestellten Konzepte, Anregungen und Ideen anderer in- und ausländischer Institute haben Eingang in die hier vorgestellten Überlegungen zur konzeptionellen Kooperation gefunden.

2. Nappieren
Die einzelnen Fachbereiche finden unter dem Dach des Grundsatzzieles des jeweiligen Geschäftsbereiches die Kompetenzen ihrer Einrichtungen in einem gemeinsamen Leitbild als Allgemeine Zielsetzung gebündet und festgelegt.

3. Bardieren
Durch die Angebotsnutzung beider Institutionen sind sowohl die Wissensvermittlung als auch die interkulturelle und intergenerationelle Bildung sowie im gemeinschaftlichen Lernen eine Förderung von Sozial- und Schlüsselkompetenzen der Kunden gesichert. 

4. Ziselieren
Dieses Richtungsziel wird die zukünftige Zusammenarbeit prägen und die Weiterentwicklung gemeinsamer Angebote des lebenslangen, sebstgesteuerten und zielgerichteten Lernens fördern.

5. Bridieren
Mit der Einruchtung des Lernorts in der Stadtbibliothek wird zudem neben dem attraktiven Ambiente der Volkshochschule ein weiterer reizvoller Auftritt und eine zum Lernen einladende Umgebung geschaffen.
Hä????

Hier ein Hinweis zur Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: Sprichts Du Politik?

Freitag, 1. Juli 2011

4830

Am 1. Juli1993: Neue Postleitzahlen für Deutschland  
 
Was manche einen historischen Moment nannten, war für andere ein absehbares, katastrophales Chaos: In Deutschland wurden die bisher gültigen vierstelligen Postleitzahlen durch fünfstellige ersetzt.

Wer kennt noch die alte Postleitzahl für Gütersloh?

4830

Donnerstag, 30. Juni 2011

Jugendparlament feiert Geburtstag.....

Das Jugendparlament feiert seinen 10. Jahrestag. 
Glückwunsch ? !

Dazu steht heute leider nix auf der Homepage der Stadt Gütersloh. Und wenn man im Ratsinformationssystem unter "Jugendparlament" nachsieht, findet man - nichts. Keine Einladung, keine Niederschrift. Keine Tagesordnung. Beim gleichartigen Seniorenbeirat sieht das schon anders aus. Auch beim Gestaltungsbeirat, ebenso beim Rat für Integration. 

Was soll mir das jetzt sagen? 
Die Neue Westfälische Zeitung titelt heute: "Politik in jungen Köpfen. Erfolgreiche Bilanz: Zehn Jahre Gütersloher Jugendparlament". Weiter heißt es: "Was die jungen Parlamentarier mit ihren Impulsen und Projekten für die Jugendlichen in Gütersloh auf die Beine gestellt haben, kann sich sehen lassen: Unter den rund 30 Projekten und Aktionen muss man vor allem den Skaterplatz, die Street Soccer Liga, das mittlerweile schon dritte Jugendkulturfestival, die Veranstaltungsreihe "Jugend on tour" sowie das kostenlose Nachhilfeangebot nennen.
In den vergangenen Jahren haben sich 192 Jugendliche im Gütersloher Jugendparlament engagiert, sie haben 79 Sitzungen durchgeführt und fünf Sprecherinnen und sieben Sprecher haben erfahren, was sie bewegen können."

Das Jubiläum wäre sicher eine tiefere Berichterstattung wert gewesen. Etwas altbacken mutet es da an, dass sehr viel Raum für Huldigungen an die städtischen Beamten vorhanden ist, die das JuPa unterstützen. Vielleicht bildet sich diese Unterstützung in Zukunft ja auch in einer noch stärkeren Wahrnehmung - oder gar Verbindlichkeit - der Anliegen der Jugendlichen in Rat und Verwaltung ab: Wie wäre es mit der Idee, alle Entscheidungen im Rat, die Auswirkungen auf die Zukunft unserer nächsten Generation zeigen, faktisch vom JuPa (zumindest) kommentieren zu lassen? So eine Art Generationencheck. Das wäre sicher sehr hilfreich, wenn man städtisches Geld ausgibt oder in Großprojekten investiert oder etwa über zukünftige Bildungsangebote spricht.....

Passend dazu bringt der Spiegel dazu einen guten Bericht über den Jugendfrust beim Politikersprech: "Was labert der denn?" lautet die Überschrift und greift die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung auf: Diese hat untersucht, wie Jugendliche das politische System in Deuschland aufnehmen. Titel "Sprichst Du Politik?".
Die FES schreibt dazu:
"Die Ergebnisse zeigen, dass es bei den Jugendlichen eine Grundbereitschaft zum Mitdenken und Mitmachen gibt. Doch die Sprache der politischen Akteure hat großen Einfluss auf das Interesse der Jugendlichen und die Bereitschaft sich zu informieren. Denn die Art, wie Politik dargestellt und verhandelt wird, bewirkt in vielen Fällen Überforderung und Abwendung von der Politik. Gleichzeitig gibt es ein Bewusstsein dafür, dass es auf den eigenen Beitrag ankommt, um die Demokratie gesund zu erhalten. Das ist das Dilemma, in dem sich die Jugendlichen befinden: Das Gefühl, in der Demokratie gebraucht zu werden, aber nicht die Möglichkeiten zu haben, dieser Aufgabe gerecht zu werden." 

Da bleibt ja noch eine Menge Arbeit für die Nächsten....

Mittwoch, 29. Juni 2011

Digitale Kompetenz und Mitsprache

Was hat die OECD mit der heimischen Stadtbibliothek zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten schon. Etwa dann, wenn wir über Computerkompetenz sprechen. Und das haben wir in den letzten Wochen ja häufig getan. Insbesondere, wenn es in Punkto Bürgerhaushalte um "Teilhabe am politischen Mitspracheprozess" und damit grundsätzlich um Demokratiefragen ging. Mir schwingt noch der durch alle Fraktionen hinweg formulierte Gesamtanspruch im Ohr, generell mehr Menschen und vor allem "die Jugend" mehr einzubeziehen. Digital.
Wissen heben - oder nicht?

 Wo sollte man denn diesen Umgang lernen? Und jetzt folgt der Brückenschlag OECD und Bibliothek. Die Ausstattung mit Computern in deutschen Klassenzimmern sieht mau aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Auswertung der OECD im Rahmen der Pisa-Studie. 5.000 fünfzehnjährige deutsche SchülerInnen wurden bei "Students Online" zur Computernutzung in Schulen befragt. Das Ergebnis: Es steht nicht gut um die Ausstattung an deutschen Schulen. Deutschland befindet sich nur noch im hinteren Mittelfeld. Hinter Deutschland folgt direkt Mexiko. Und auch bei den Fähigkeiten am Computer gehören die Deutschen keineswegs zur Weltspitze. An einer Schule kommt auf rund 10 Schüler nur ein Computer. Der Einsatz "neuer Technik" im Unterricht finde selten statt. Ins Internet gehen die Schüler deshalb lieber zu Hause. Es heißt, fast zu 100 Prozent hätten die SchülerInnen diese Möglichkeit zu Hause zur Verfügung. Gut, wenn dem so ist.

Nutzung bedeutet allerdings noch nicht Kompetenz. Medien- und Informationskompetenz zu stärken, ist da sicher ein aktuelles Ziel. Diese Vermittlung ist eine Kernkompetenz der heimischen Bibliotheken. In der Hauspostille des "Bibliothek und Information Deutschland" steht: "Der kompetente Umgang mit Informationen ist eine wichtige Voraussetzung für die Verwirklichung der informationellen Selbstbestimmung der Menschen in unserem Land und ermöglicht ihnen die Teilhabe an der digitalen Gesellschaft der Zukunft." (Seite 4)  Gerade die Bibliotheken stehen hier in der Verantwortung, diese Schlüsselkompetenzen zu vermitteln. Schulen arbeiten eng mit Bibliotheken zusammen, die meisten Bibliotheken sind kommunal.

In der Verbindung der Punkte Kompetenzen, Mitsprache, digitale Technik, Bürgerhaushalt, Stadtbibliothek schließt sich der Kreis: Immer mehr Mitsprache erfolgt über digitale Beteiligung. Siehe dazu auch den Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Internet und Digitale Gesellschaft". Wenn wir über "mehr Demokratie" oder Vitalisierung der Demokratie nachdenken, wie zur Zeit über die Fortführung des Bürgerhaushaltes oder die Einführung auf Kreisebene, dann berührt das unmittelbar die Frage, wer diese Kompetenzen eigentlich hat - und wer sie vermittelt. Wenn aber die Stadtbibliothek als eine der ersten Adressen für Streichungen und Einsparungen im städtischen Haushaltsentwurf auf dem Plan steht, sägt man genau den Ast ab, auf dem die neuen Blätter der Teilhabe wachsen sollen. Krumm, oder?





Montag, 27. Juni 2011

Besuch im Baumarkt

Eine Gesellschaft verfügt über unsichtbare aber aktive kollektive Fieberkurven. Eine davon steigt an, wenn das Wetter frühlingshaft wird und die Sonne mehr als drei Stunden am Stück den blauen Himmel verschönt. Dann pilgern die Menschen mit Besitz oder festen Mietverhältnissen von Garten, Wohnungen und Häusern in Strömen in den nächstgelegenen Baumarkt. Dieser liegt zumeist an der örtlichen breitspurig asphaltierten Ausfallstraße, im sonst kulturleeren Gewerbegebiet. Auch uns hatte das Fieber über Umwege erreicht: Es handelte sich um eine Auftragsarbeit für die mittlerweile unmotorisierte Oma. Ihr Wunsch war eine Gartenbank mit Auflage für das heimische Grün einer verbliebenen Rasenfläche. Ein lange gehegter Wunsch, befeuert durch die Werbebeilage der Lokalzeitung, die seltsamerweise konsumorientierte Begehrlichkeiten stets passend zum Wetterhoch durch bunte Prospekte mit Bildern von Wohlfühlatmosphäre belebt.

Der Parkplatz ist voll, gleicht einer Werteallokation des heimischen Bruttoinlandsproduktes: Stoßstange an Stoßstange. Unsere alte Schrottkarre mit dem Antiatomaufkleber am Heck wirkt merkwürdig anachronistisch zwischen den uniformierten Silberfelgen und schwarzen Hochglanzkarossen drumherum. Wir pilgern mit dem Strom in die heiligen Hallen des Do-it-yourself.

Den Straßenplan des Baumarktinnern haben wir längst verinnerlicht, bewegen uns in den Gängen wie in einer historischen alten Stadt, die wir in kurzen Abständen immer mal wieder gerne besuchen und reichlich Souvenirs einkaufen. Ganz links hinten findet sich der Gartenbereich. Rollregale voller Geranien begrüßen uns, obwohl die Eisheiligen erst noch kommen. Hier gibt es nichts, dass es nicht gibt. Der religiöse Begriff Paradies bekommt vor dieser Offenbarung eine ganz neue Bedeutung, nur dass der Markt am Sonntag geschlossen hat. Über den Stapeln an gebeutelter Gartenerde mit den hundertfachen Sorten von Kaktus- über Saatanzucht- bis hin zur Graberde schwebt auf einem Balkon so groß wie der der Royals am Buckingham Palace die Ausstellung der Gartenmöbel: Alle tropischen Wälder der Erde sind hier durch einen diplomatischen Gesandten repräsentiert. Bänke, Tische, Sonnenschirme, Liegen, Chaiselongues, Hocker. Durch das Plexiglasdach hell erleuchtet und sonnendurchflutet, fast wie im echten Leben. Passend dazu die aktuellen Gartenaccessoires, dieses Jahr Türkis als Renner. Letztes Jahr war es noch grün in allen Facetten.

An der Gartenbank „Kent“ bleiben wir hängen. Die Architektur gefällt mit der geschnörkelten Rückbank und dem stabilen Antlitz. Auf dem daneben gestapelten Paket heißt es, die „Tragkaft“ betrage 225 Kg. Rechtschreibung darf man im Baumarkt nicht erwarten, wer weiß, in welchem Land diese Kartons gefertigt werden und wie fremd unser Wort „Tragkraft“ da anmuten muss. Ich lasse den Rotstift in der Tasche, was mir Klugscheißer schwer fällt.

Mein Mann setzt sich auf den vor der Bank aufgestellten Tisch. Nimmt nur auf der Kante Platz, um von hier oben eine bessere und prüfende Aussicht auf „Kent“ zu erhalten. Sein Vergnügen währt nicht lange. Sekunden und es knackt und er liegt mit gekreuzten Beinen auf dem Boden - wie der Tisch unter ihm ebenfalls. Das Ding war mit lautem Getöse der Erdanziehung erlegen und lag nun horizontal und hinterließ eine vage Ahnung von Statik. Eine kleine Staubwolke umgab beide: der Mensch noch mit dem Zollstock in der Hand, eine Schraube des Tisches rollte unter die ausgesuchte Gartenbank. Dann Stille.

Einen Wimpernschlag später ertönte eine Sirene. Ohrenbetäubender Lärm. Ein Scheinwerfer richtete sein Licht auf uns. An den Ausgängen des Baumarktes rasselten Eisenrollos mit schäpperndem Lärm herunter. Instinktiv hob ich die Hände, ergab mich, schaute nach links und rechts, am Boden festgenagelt. Als plötzlich von allen Seiten eine Armee an Baumarktmitarbeiterinnen und -mitarbeitern in ihren blau und gelben Corporate-Identity- Shirts auf die Empore gestürmt kam. Im Anschlag und auf uns gerichtet ihre grellbunten Softair-Gewehre, munitionsgeladen für einen Erstschlag, der uns schnell außer Gefecht setzen konnte. In zweiter Reihe die Mannschaft mit einem bunten Waffenarsenal aus dem Regal der Heimwerker: vierzackige Forken, umgerüstete Brauseköpfe mit Nagelmunition, handgedrechselte Holzbaseballschläger, Teppichschneider als Aufsätze an Gartenteichkeschern. Wir waren hoffnungslos unterlegen.

Der Anführer schob das Visier seines Helmes nach oben, befahl uns an die Reeling des Balkons zu stellen, breitbeinig, die Hände schön nach oben, so sein Kommando. Er untersuchte das erlegte Wild, den Tisch und deutete seinen Kollegen mit einer Handbewegung, da sei nichts mehr zu machen. Unter uns hatten sich die Restbesucher des Paradieses versammelt, starrten uns an, ängstlich, hasserfüllt, alles dabei. Wir waren die Bösen, die es gewagt hatten, die heiligen Hallen zu schänden. Lyncht sie, sah ich in vielen Augenpaaren. Dann mussten wir die Treppe hinunter gehen, vor uns Eskorte, hinter uns Eskorte, die Spitzen der Knarren und Peacemaker nur Zentimeter von unserem Rücken entfernt. Wir stolperten den grauen Estrichgang entlang. Wo sie uns wohl hinbrachten? Hatte dieser Satellit des modernen Stadtstaates etwa auch ein Gefängnis? Im Heimwerkerformat selbst entworfen? Ich wagte nicht, zu meinem Mann hinüber zu sehen, der Schweiß stand mir auf der Stirn. „Vorwärts!“, hörte ich und stolperte weiter.
Gerne hätte ich geträumt, mir folgendes Ende gewünscht: Als ich endlich hochschreckte und mein Mann mit dem Autoschlüssel in der Hand vor meinem Gartenstuhl stand und mich weckte. „Komm, wir müssen noch die Gartenbank für Deine Mutter kaufen“, sagte er. „Fahr besser allein – und nimm Deinen Ausweis mit“, wäre meine Antwort gewesen.

Aber der Alptraum war echt. Keine Spur von Aufwachen. Mit einem letzten Stoß in den Rücken wurden wir in einen schallgedämmten Raum geführt, die Geräusche verhallten merklich. Direkt auf grelles Scheinwerferlicht zu, das uns blendete. Da kannte sich einer aus mit Leuchtmitteln. „Setzen!“, folgte ein kurzer Befehl. Wir tasteten nach der angewiesenen Sitzmöglichkeit, wahrscheinlich ein Restposten aus dem Holzsortiment. Ohne Polster. In Demutshaltung lauschten wir der Stimme aus dem off, sehen konnten wir immer noch nichts. In professioneller Befehlstonlage nahm ein Mann unsere Personalien auf. Widerspruch war zwecklos, ich fürchtete sonst standrechtlich auf einem Baumarktprovisorium am Galgen hingerichtet zu werden. „Nach dem aktuellen Baumarktgesetz, verabschiedet durch den Deutschen Bundestag am 1.1.2010 sind Sie verpflichtet, den hier entstandenen Schaden mit sofortiger Wirkung zu begleichen, einschließlich einer Verwaltungsgebühr von 3 Prozent der Schadenssumme.“ Unverzüglich zückte ich meine Kreditkarte und beglich die 249 Euro inklusive Steuern und Schmerzpauschale. Alles wortlos, blind blinzelnd. Lediglich das Surren einer Lüftungsanlage war zu hören. Dann wurden wir aufgefordert, das Kundenverhörbüro in Richtung Ausgang zu verlassen. Wir folgten. Erreichten das plexiglashelle Verkaufsgelände, sahen unbescholtene Kunden unwissend ihre Einkaufswagen schiebend, die uns anstarrten. Gott, wie sahen wir wohl aus, kalkweiß im Gesicht. Wir passierten den Kassenbereich, schnellten auf den ersehnten Ausgang zu, da rief uns eine weibliche Altstimme nach: „Halt! Bitte kommen Sie zurück.“ Mit erhobenen Händen drehte ich mich um und ging ein paar Schritte zurück zur Kassenschranke. Eine dienstälteste Kollegin der Baumarktkette hielt mir mit einem kundenorientierten Lächeln einen Zettel hin: „Sie haben Ihre Bewertung für unseren Kundenservice nicht ausgefüllt. Wenn Sie uns den Fragebogen der Kundenzufriedenheit ausfüllen, nehmen Sie automatisch an einem Preisausschreiben teil.“

Samstag, 25. Juni 2011

Politiker booten Bürgerbeteiligung aus

In der letzten Woche trafen sich Vertreter der Ratsfraktionen mit der Verwaltung zum Austausch über den Fortgang des Bürgerhaushaltes 2012. Das Treffen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. „Die Politik bootet Bürgerbeteiligung aus“, sagt Jürgen Droop, Sprecher der Bürgerinitiative „Demokratie wagen!“ Die offenen Fragen betrafen die Aufhebung der Anonymität und die Nutzung der Plattform bei möglichen Bürgerbefragungen zu Themen mit großem öffentlichem Interesse. Das wäre beim neuen Hallenbad oder einer Gemeinschaftsschule der Fall.

„Wir waren wohl mit unseren Forderungen nach direkter Beteiligung in der Vergangenheit zu anstrengend für die Politik“, so Droop. Auf Nachfrage der Initiative nach dem Verlauf kam die Antwort seitens der Fraktionen, die Entscheidung sei vertraulich und noch geheim. Auf Nachfrage bei der Stadtverwaltung schrieb Kämmerin Christine Lang: “Die Politik wird am 04.07. im Hauptausschuss eine Entscheidung treffen, wie der Bürgerhaushalt 2012 konkret vorbereitet werden soll. Wir können uns auf Grundlage dieser Entscheidung dann gern mal wieder treffen, um uns auszutauschen.“


Der Wunsch nach Einbezug und Informiertheit seitens der Öffentlichkeit bewirkt offensichtlich einen Rückzug von Stadt und Politik in eine Wagenburgmentalität, in der alte Pfründe verteidigt werden. Damit verschwindet ein transparentes Verfahren wie die Online-Plattform wieder dahin, wo die Quelle des Unmuts der Bürgerschaft entspringt: Politik hinter geschlossenen Türen. Das „frühe Einbinden von Bürgern“ entpuppt sich als Lippenbekenntnis. Eine Teilhabe am konkreten Ausgestalten ist nur bis zu einem gewissen Punkt möglich. „Danach greift die Verlustangst“, so Detlef Fiedrich, ebenfalls Sprecher der Initiative. „Reden und Handeln klaffen weit auseinander“, resümiert Droop. Fordert die Politik im Bürgerhaushalt vehement Transparenz und Klarnamen, so handelt sie nun schon zum zweiten Mal selbst anonym: Über den Top 1 des Bürgerhaushaltes (Berufsfeuerwehr oder nicht) hat die Politik auf eigenen Wunsch geheim abgestimmt. Die CDU erklärte, die Fraktion sei in der Frage gespalten. Um die Mitglieder zu schützen, solle die Entscheidung geheim bleiben. Und nun ist die Diskussion über den Bürgerhaushalt geheim, um am Ende mit einer einstimmigen Entscheidung aufzuwarten, die Fakten schafft und politisch nicht mehr nachvollziehbar ist.
Auch in einem zweiten Punkt der Beteiligung wird das deutlich: Im Hauptausschuss hieß es, Meinungsabfragen der Bürger wären nur möglich, wenn die notwendigen Informationen für die Bevölkerung vorlägen. „Wann aber werden diese Informationen übermittelt?“, fragt Fiedrich. Mangelnde Transparenz und fehlende Informationen scheinen auch andere Institutionen zu irritieren, wie die Torpedierung des aktuellen Großbauprojekts (Porta) verdeutlicht. 

Bürgerbeteiligung bedeutet einen Kulturwandel in der Politik. „Wer schon ewig im Rat sitzt, kann vielleicht nicht mehr anders“, vermutet Droop. Die Bürgerschaft hat sich stark verändert. Sie ist kein kalkulierbares Klientel mehr, sondern eine freibewegliche, oft fließende Masse, die sich sehr schnell und vernetzt informiert. Damit wird sie zu einem Angstfaktor für die Politik. Am Ende reagiert diese mit dem Klammern an der Macht. Die Initiative hofft auf ein Umdenken. „Beteiligungsformate sollten keine Alibi-Veranstaltungen sein, das gilt auch für den ersten Bildungsgipfel. Die Bürger wollen ernst genommen werden. Ausbooten hilft nur auf kurze Sicht“, sagt Fiedrich.


Donnerstag, 23. Juni 2011

Anonymität ist Freiheit

Immer wieder stellt sich die Frage nach der Anonymität im Netz. Lokal, regional, global.

Lokal wird das Thema zur Zeit für den Bürgerhaushalt hinter verschlossenen Türen diskutiert. Keiner der Gewählten hat den Mut, diesen Punkt in der Öffentlichkeit auszudiskutieren. Sobald es um den eigenen Machterhalt geht, ist Anonymität tabu in den Reihen der Politik: Der Bürger aber soll klar erkennbar werden, nackig sein als Person. Er soll einzuordnen sein in die Schubladen des öffentlichen Lebens: Linker, Konservativer, Rebell, Top oder Flopp. Nicht seine Idee, sondern seine vermeintliche Kasten-Zugehörigkeit zählt. Sein Status ist Angriffsziel, nicht die Sache, die er vertritt. Und die politische Klasse darf werten und diffamieren.

Niemals sollst du mich befragen.
Dazu flatterte dieser Tage eine interessante Meldung von abgeordnetenwatch.de in den Rechner. Das Onlineportal meldete am 16. Juni, es sei mittlerweile auch ein Pilotprojekt auf Stadtebene gestartet. Zitat: "Routine könnte man meinen. Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. Zwar gibt es viel Zustimmung für abgeordnetenwatch.de in den Kommunen, (...). Doch andere "betroffene" Stadträte wehren sich mit Kräften gegen Transparenz durch Bürgerfragen. (...) Andere Kommunalpolitiker verbaten sich, dass Bürger ihnen öffentlich Fragen stellen. Sie hätten dazu nicht ihr Einverständnis gegeben. Wieder andere redten sich mit Datenschutz heraus: Wenn ihr Name ohne Zustimmung im Internet veröffentlicht würde, seien sie in ihren Rechten verletzt. Auf Gemeindeebene scheint einiges im Argen zu liegen. Offensichtlich haben sich manche Kommunalpolitiker im Stadtrat bereits bequem eingerichtet. Söhne erben das Mandat ihres Vaters, und der örtliche Bauunternehmer entscheidet als Ratsmitglied ganz selbstverständlich darüber mit, wer den Bauauftrag für die neue Turnhalle oder den Rathausneubau erhält. (...)" Den ganzen Artikel gibt es im Netz, Link siehe oben.

Zum gleichen Thema "Anonymität und Politik" aber mit getoppter Brisanz schreibt Christian Sickendieck "GuttenPlag Wiki gewinnt Grimme Preis" in seinem Blogbeitrag:
(...)
Immer wieder wird auch in Deutschland darüber diskutiert, ob in einem «freien» Land, wie dem unserem Anonymität überhaupt wichtig sei und man nicht vielmehr dazu verpflichtet ist, mit «offenem Visier» zu kämpfen — gerade im Internet. Das GuttenPlag Wiki und das VroniPlag Wiki sind die wahrscheinlich besten Argumente pro Anonymität, die man jemals im Internet finden konnte. Freiheit bedeutet Mut. Anonymität bedeutet Freiheit. Die Freiheit, dass Argumente zählen und nicht über den jeweiligen Überbringer diskutiert wird. Das GuttenPlag Wiki und das VroniPlag Wiki sind anonyme Informanten unseres digitalen Zeitalters, die unsere Politik durchaus ins Wanken bringen. Wäre zu Guttenberg gestürzt, wenn die Mitglieder bekannt gewesen wären? Nein, das ist auszuschließen. Die Bild und andere selbsternannte bürgerliche Medien hätten sich auf die Informanten gestürzt, deren Leben bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, nicht aber die Sache verfolgt. Ohne die Anonymität der beiden Wikis wäre zu Guttenberg heute noch Verteidigungsminister und Silvana Koch-Mehrin in Amt und Würden. Ich bin in diesem Punkt völlig anderer Meinung, wie der ansonsten so geschätzte Michael Spreng. Im Fall der beiden Wikis ist die Anonymität existentiell, für die sachliche Arbeit, für unsere Demokratie. (...) Mehr gibt es unter seinem Link, siehe oben.