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Mittwoch, 4. Mai 2011

Erfolgreicher Bürgerhaushalt? Heute: Demokratieeinstellungen


Wie erfolgreich war das Verfahren zum Bürgerhaushalt?
Eine Analyse anhand eines Kriterienkatalogs

HEUTE: 
Kriterium 10 (von14) Anschlussfähigkeit
Der Bürgerhaushalt zeigt in sofern Anschlussfähigkeit, als dass er grundsätzlich im kommenden Jahr wiederholt durchgeführt werden kann: Das technische Tool ist vorhanden und bezahlt. Es gilt lediglich wieder einen Moderator einzukaufen, der den Prozess kompetent begleitet. Dieses sollte auch in Zukunft nicht durch die Mitarbeiter der Verwaltung geleistet werden, da dies die Inhalte und Transparenz in Frage stellen könnte.
Zudem ist man mittlerweile eingespielt und hat mögliche Verbesserungen erarbeitet, die es in der zweiten Runde einzupflegen gilt. Bisher gibt es generell wenig Ansätze zur regelgebundenen Implementierung solcher Onlineverfahren zur Partizipation in Kommunen. (Siehe den 4. Statusbericht vom 12.4.2011 zu den Bürgerhaushalten in Deutschland von der BpB) Der Gütersloher Bürgerhaushalt hat hier viele neue Aspekte in der Praxistauglichkeit eines solchen Verfahrens aufgezeigt, die es generell erleichtern können, in Folge eine solche Implementierung zu ermöglichen.

Zu beachten gilt es auch, dass die Online-Plattform auch zwischen den Bürgerhaushaltsverfahren nutzbar ist: Hierauf können zur Abstimmung oder zur Diskussion stehende Anliegen wie Großprojekte oder aber Themen wie Bildungsfragen abgelichtet und mit der Bitte um ein Bürgervotum an die Allgemeinheit gerichtet werden.

Kritisch: Die Frage der Anonymität ist dabei sicher eine der zentralen Fragen, die über die Zukunft des Bürgerhaushaltes entscheiden wird. Dabei gilt es sicherzustellen, dass im Zuge dieser eigenen Diskussion die Möglichkeiten der Internetbeteiligung nicht anachronistisch betrachtet werden, derart, dass Onlineverfahren kaum in die Tradition bisheriger Politikvermittlung eingebettet werden können, sondern eigenen Regeln des Netzes unterliegen. Zudem ist darauf zu achten, dass Anonymität in der Beteiligung nicht zu einer a priori Kriminalisierung dieses Beteiligungsform diskreditiert werden darf. Die Argumentation zur Beibehaltung der Anonymität findet sich gesondert auf der Seite „Demokratie wagen Gütersloh“. Wie auch immer sich die Beteiligten aus Politik und Verwaltung dazu verhalten werden, die Beibehaltung der Anonymität ist entscheidend für die Akzeptanz sowie die Beteiligungsquote in allen weiteren Runden eines folgenden Bürgerhaushaltverfahrens. Note: gut (plus)

Kriterium 11 (von 14) Erhöhung der Demokratieeinstellung
Ob es im Rahmen des Bürgerhaushaltsverfahrens zu einer Erhöhung der Demokratieeinstellung gekommen ist, bleibt bisher ungeklärt. Diese Frage kann lediglich „gefühlt“ beantwortet werden. Zumindest ist es gelungen, die Bürgerschaft der Stadt für den komplexen Bereich des Stadthaushaltes zu sensibilisieren. Die Verschuldungsquote sowie die drohenden Einschnitte im Alltag einer Kommune, die für jeden spürbar werden, hat sicher einiges dazu beigetragen, dass dem städtischen Zahlenwerk mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde. Ferner ist ein breiter Diskurs in der Stadt angestossen worden, der alle Schichten und alle Bewohner angesprochen und fakultativ einbezogen hat. Zudem hat er auch die Interaktion innerhalb der Bürgerschaft ermöglicht, wofür es in der Regel sonst kein Format gibt. Ferner hat der Bürgerhaushalt deutlich gemacht, dass Formen der direkten Bürgerbeteiligung nicht ein Entweder-Oder verursachen, sondern auf das Konto einer Sowohl-als-auch-Politik einzahlen, also ein probates Begleitinstrument ist, um Bürgerschaft frühzeitig einzubinden und am Prozess zu beteiligen.

Problematisch war allerdings, dass zu wenig Bewerbung in den Schulen betrieben worden ist. Hier sollte bereits im Vorfeld eine Strategie entwickelt werden, wie die Schulen sich über den Bürgerhaushalt informieren können – und wie Beteiligung auch der Jugendlichen ermöglicht werden kann. Gleiches gilt auch für die Verbesserung der Bürgerkompetenz, was eigentlich Kommunalpolitik leisten muss, nimmt sie ihren Auftrag ernst, an der Willensbildung mitzuwirken. Hier muss deutlicher vermittelt werden, welche Möglichkeiten der Einflussnahme es gibt. Beklagen die Parteien den Fakt, es gebe große Inkompetenz der Bürgerschaft, hat sie hier offensichtlich zu wenig und offensichtlich ineffektiv entgegengewirkt. Parteipolitische Veranstaltungen oder spezifische Informationen zu Haushaltsfragen oder moderne Onlineinformationen gab es nur vereinzelt. Note: befriedigend

Nervig, diese Bürger!

Kriterium 12 (von 14) Nachhaltigkeit
Ob der Bürgerhaushalt Nachhaltigkeit in seinem Wirken erzeugen kann, bleibt abzuwarten. Anhand der Zahl der beschlossenen Vorschläge zeigt sich allerdings, dass ein Teil der Ideen in den politischen Alltag eingeflossen ist und Wirkung erzeugen kann - wenn denn deren Inhalte nicht im laufenden Politikgeschäft verpuffen. Manche Vorschläge werden sicher erst in der Länge ihre Wirkung erzeugen. Was das Verfahren an sich angeht, sind mit dem Bürgerhaushalt qualitativ sehr hohe Maßstäbe gesetzt. Ab jetzt steht sicher in Zukunft immer öfter die Frage im Raum, wie weit Bürger beteiligt werden – die Frage, ob sie überhaupt beteiligt werden, steht dabei außer Frage, denn einmal erreichte Beteiligungsformate kann man kaum wieder ins Nichts „abwickeln“ ohne Protest zu ernten. Am Ende könnte das Onlineverfahren dazu führen, dass Gütersloh sich generell zu einer „Bürgerkommune“ entwickelt, die sich eine eigene Demokratiebilanz gibt und Beteiligungsverfahren als festen Bestandteil in das kommunale Dasein implementiert. Die Krönung eines solchen Verfahrens wäre etwa ein flexibles Budget, über welches die Bürgerschaft z.B. stadtteilbezogen selbst bestimmt und entscheidet, in welches Projekt das Geld fließen soll. (Zukunftsmusik). Note: befriedigend

 Morgen: Effizienz und Zufriedenheit

Montag, 2. Mai 2011

Wie hoch war die Qualität der Beiträge?

Wie erfolgreich war das Verfahren zum Bürgerhaushalt?
Eine Analyse anhand eines Kriterienkatalogs

HEUTE 
Kriterium 7 (von 14) Nutzerfreundlichkeit
Das Internet schließe eine große Zahl an Bürgern von vornherein aus, lautete die Grundkritik. Neben der Online-Nutzung gab es daher auch die Möglichkeit für Personen, die keinen Zugang zu Rechnern hatten, diese in handschriftlicher Form einzubringen. Diese ist jedoch kaum genutzt worden. Es sind lediglich rd. 10 Vorschläge über diesen Weg in der Stadtverwaltung eingegangen.
Die Gefahr einer digitalen Spaltung der Gesellschaft ist dabei wohl auch eine Generationsfrage: Auf der einen Seite wird allein die klassische repräsentative Demokratie als alleingültige Demokratieform akzeptiert, auf der anderen Seite der eher jüngeren Mitbürger ist die Akzeptanz offener, internetbasierter Partizipation stark ausgeprägt und wird als ein wirkungsvolles Instrument gegen die Politikverdrossenheit favorisiert. Einer solchen Spaltung spricht entgegen, dass kein Medium an sich, so schnell und direkt erreichbar ist, wie der Zugang zum Netz. Die Allgegenwart des Netzes, das es jedem ermöglicht, sich schnell und unbürokratisch in Prozesse einzuklinken beginnt ein breites Bedürfnis nach aktiver Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu erzeugen.
Die Nutzerfreundlichkeit des Online-Tools „Bürgerhaushalt“ war zudem sehr hoch. Das Anmelden, das Einbringen der Vorschläge war sehr einfach, ebenso die Kommentierung sowie das Voting. Insgesamt wurde die Seite 318.554 mal aufgerufen und 52.371 Bewertungen wurden abgegeben. Gewünscht wurde u.a. die fortlaufende Kennung der Kommentierungen der vorausgehenden Kommentare, eine Zuordnung war im laufenden Prozess mit vielen Kommentaren eher schwierig.
Problematisch zeigte sich allerdings am Ende das Voting, da hierzu natürlich alle Vorschläge und ggf. auch die Kommentare gelesen sein mussten. Die hohe Komplexität hat hier zu einer Streuung der Votes geführt, so dass es eine wenig sichtbare „Häufung“ von Stimmen gab. Hier gilt es sicher nachzubessern, um mehr Transparenz herzustellen. Andersherum ist vielleicht eine Häufung und damit ein Ranking von Vorschlägen nicht zwingend das Ziel, sondern eher die Möglichkeit für die Bürgerschaft, Ideen und kritische Beiträge zu liefern und sich mit ihrem eigenen Wissensstand abgeholt zu fühlen.
Für Menschen ohne eigenen Online-Zugang gab es die Möglichkeit der Nutzung von Online-Rechnern an öffentlichen Stellen wie in der Stadtbibliothek sowie im Bürgerbüro. Vielleicht sollte hier noch komplementierend die Möglichkeit in den jeweiligen Stadtvierteln eröffnet werden. Note: gut (plus)

Muster erkannt: Leicht zu bedienen
Kriterium 8 (von 14) Qualität der Beiträge
Über die Qualität der Beiträge wird gestritten. Die Urteile gehen da weit auseinander und sind deutlich politisch motiviert. Die Einen nennen den Bürgerhaushalt „Meckerkasten“, die Anderen kritisieren, dass auch Vorschläge eingegangen seien, die außerhalb der Handlungshoheit der Kommune liegen und attestieren der Bürgerschaft damit grobe Unkenntnis. Andere wiederum loben den hohen Wissensstand der Nutzer und sehen die Botschaften; erfahren, wo die Schwerpunkte und Schmerzpunkte der Bevölkerung sind, um diese dann in ihre Politik einflechten zu können. Diese offene Dialogform und das Angebot der Beteiligung hat es bisher in der Stadt so nicht gegeben. Welcher Qualtität denn die Vorschläge und Ideen sein sollten, wurde im Vorfeld nicht artikuliert. Durch die Möglichkeit auch andere Gedanken als nur Sparvorschläge einzureichen, ist diese Diskrepanz in der Beurteilung sicher normal und sollte daher als ein kreativer Beitrag zur Belebung der Demokratie im besten Sinne verstanden werden. Bürger wurden zu Experten in ihrer eigenen Kommune und konnten ihr Wissen einbringen, dies nicht ausschließlich in einer Oppositionshaltung, die der Bürgerschaft gerne attestiert wird, wenn sie sich einbringt, sondern in einer offenen, kreativen Art und Weise.
Note: gut

Kriterium 9 (von 14) Akzeptanz
Die Frage der Akzeptanz ist aus drei Blickwinkeln zu betrachten, welche die Trias Bürgerschaft, Stadtverwaltung und Politik widerspiegelt. Während die Verwaltung sowie die Politik ihre Bewertungen über das Format des Bürgerhaushaltes an vielen Stellen platzieren konnten, ist die Bürgerschaft dazu kein einziges Mal direkt befragt worden. Ein zentraler Beteiligter ist damit nicht zu Wort gekommen, weder mit einer Bewertung zum Verfahren an sich, noch (und das wiegt noch viel schwerer) mit einer Bewertung über den Umgang mit den Vorschlägen und damit über den anschließenden politischen Prozess. Und gerade die Bürgerschaft war die Zielgruppe des Bürgerhaushaltes. Damit fehlt das wichtigste Kriterium der Bewertung.
Auch das Begleitgremium, welches das Verfahren in drei Sitzungen begleiten und kommentieren sollte, hat sich als sehr ineffektiv gezeigt. Das mag an der u.a. parteipolitischen Besetzung gelegen haben, alle Fraktionen waren hier vertreten. Und sicher lag es auch an der personellen Besetzung durch „Multiplikatoren“, die für eine kommende Runde mit mehr Sorgfalt ausgesucht werden sollte. Dass einige Berufene überhaupt nicht teilgenommen haben, erschwert es zudem, diesem Gremium Gewicht zuzuordnen. Note: ausreichend

Morgen: Anschlussfähigkeit

Sonntag, 1. Mai 2011

Erfolgreicher Bürgerhaushalt? Transparenz, Verbindlichkeit, Repräsentativität

 Wie erfolgreich war das Verfahren zum Bürgerhaushalt?
Eine Analyse anhand eines Kriterienkatalogs

Gemeinsamer Kriterienkatalog ist notwendig
Um am Ende einen gemeinsamen Diskurs über das Verfahren führen zu können und eine abschließende Bewertung zu ermöglichen, bedarf es der Spielregeln, die allen Beteiligten bereits von Anfang an deutlich sind - und die von allen akzeptiert werden. Beteiligung braucht also Kriterien, anhand derer am Ende für alle messbar ist, ob und wie Beteiligung effektiv war.

HEUTE:
Kriterium 4 (von 14) Transparenz
Die Transparenz im Verfahren ist unterschiedlich zu bewerten: Während der Online-Phase wurden alle Vorschläge, Kommentare und Votings sehr transparent dargestellt. Schwieriger nachzuvollziehen war jedoch das Zustandekommen des Rankings der Top-30-Vorschläge. Die Frage stellte sich im laufenden Verfahren, nach welchem Kriterium dies vorgenommen wurde, d.h. wurden die Vorschläge nach Top-Ja-Stimmen gelistet oder nach Top-Nein-Stimmen und was passierte mit Beiträgen, die die meisten Kommentierungen bekommen hatten aber weniger „Votes“.
In der darauffolgenden Phase der offline-Beratung in den jeweiligen Ausschüssen und später im Rat war diese Transparenz schon kaum mehr gegeben. Die Interessierten und Nutzer hätten sich wiederum auf die Tribüne des Ratssaales begeben müssen, um die jeweilige Positionierung der Fraktionen und die anschließende Abstimmung zu verfolgen. Auch die Frage, welche Vorschläge überhaupt beraten wurden und welche zu einem Abstimmungsverfahren gelangt sind, war und ist völlig intransparent. Eine fortlaufende und am Ende abschließende Auflistung der Ergebnisse zumindest fehlt auf der Plattform oder aber in anderer gebündelter Form. Auch im Ratsinformationssystem ist dazu sehr wenig zu finden – und vor allem wenn Protokolle hier abrufbar sind, dann sehr spät und der Diskussion nachgelagert. Auch haben die jeweiligen Fraktionen die ihnen eigens zur Verfügung stehenden Kommunikationswege nur mäßig genutzt: Die eigenen Internetseiten etwa wurden kaum eingesetzt und es finden sich hier nur spärliche Informationen, wobei die jeweiligen Fraktionen sehr unterschiedlich verfahren. Die Seiten der SPD und BfGT sind dabei aussagefähiger als die der übrigen fünf Fraktionen. Nun standen diese beiden Fraktionen in der Pflicht, hatten sie doch den weitesgehenden Antrag zum Verfahren des Bürgerhaushaltes gestellt. (Siehe meinen Blogbeitrag vom 28.2. 2010 „Versteckspiel in der Rechenschaftsphase beim Bürgerhaushalt).
Die Intransparenz in der post-online-Phase ist daher als ein großer Fehler im ersten Durchlauf festzuhalten. Aus diesem Grund ist die Metakommunikation über den Bürgerhaushalt an sich bruchstückhaft, da Fragen und Nachjustieren erst im laufenden Verfahren auftauchten und geleistet werden mussten. Dieser Lernprozess allerding ist für eine zweite Runde hilfreich, da die Erfahrungswerte naturgemäß zu einer Verbesserung beitragen können. Note: ausreichend

Transparenz beim Bürgerhaushalt

Kriterium 5 (von 14) Verbindlichkeit der Vorschläge
Eine Verbindlichkeit der Vorschläge durch die Politik war von Anfang an nicht gegeben. Das Online-Verfahren hatte lediglich einen fakultativ konsultativen Charakter. D.h. die Politik war an keiner Stelle daran gebunden, diese Vorschläge und Anregungen a) ernst zu nehmen und b) das Voting als Entscheidungsrichtlinie zu werten. Positiv zu bewerten ist auf den ersten Blick jedoch auch, dass nicht nur die Liste der Top-30-Vorschläge in die engere Betrachtung gelangt ist, sondern die Politik selbst zudem noch weitere 78 Vorschläge aus dem Katalog der rd. 330 Bürgervorschläge auf die Beratungsliste gesetzt hat; wobei FDP und UWG an dieser Stelle keine weiteren Vorschläge eingebracht haben.
Ebenso gilt es nochmals zu unterstreichen, dass eben nicht nur Sparvorschläge eingebracht werden konnten, sondern das Portal für weit mehr zur Verfügung stand, wie etwa generelle politische Richtungsweisungen oder aber Ideen, die nicht in erster Linie monetär messbar sind. Das Verfahren hatte einen offenen Charakter, die Letztentscheidung durch den Rat wurde durch die Gewählten von Anbeginn des Verfahrens betont. Das direktdemokratische Handwerkzeug endete also traditionell in der Gremienarbeit der repräsentativen Demokratie. Note: ausreichend

Kriterium 6 (von 14) Repräsentativität
Das Verfahren zum Bürgerhaushalt war nicht reprästentativ. Die Quote der Beteiligung lag bei 1,7 Prozent. Kriterien für Repräsentativität waren nicht gegeben, was jedoch von Beginn an deutlich war. Zudem greift dies methodisch erst dann, wenn auf die Bevölkerung als Grundgesamtheit Bezug genommen wird. Da internetbasierte Partizipation bisher auch zu keiner formal abschließenden Entscheidung führen sollte, ist diese Einschränkung auch nicht relevant.

Dennoch ist das Ergebnis als sehr zufriedenstellend zu bewerten. Die Vergleichswerte in anderen Kommunen (1,5 bis 2 Prozent der Bevölkerung) lagen dem Verfahren zugrunde. Es wurde bereits im Vorfeld artikuliert, dass diese Marge eine Messlatte der Bewertung sein würde. Die Quote der Beteiligung ist im Laufe des Verfahrens allerdings vorsorglich seitens der Politik stark kritisiert und diskutiert worden. Teile der Politik stellten in Abrede, dass überhaupt 1,7 Prozent Beteiligung erreicht wurden, da es Mehrfachanmeldungen gegeben habe sowie Beteiligung durch Ratsleute selbst, die es abzuziehen gelte. Diese Vorwürfe sind schwer zu belegen, da es keine Datenoffenlegung hierzu gibt und geben wird. Im gleichen Zuge wurde das Votingverhalten der Bürger kritisiert. Das Quorum für die Beteiligung am Ranking der Top-30-Vorschläge war von vornherein zwar nicht festgelegt, aber am Ende des Verfahrens entstand die Kritik, die einzelnen Vorschläge hätten zu wenig „Stimmen“ bekommen. Insgesamt sind 52.371 Bewertungen eingegangen, davon 28.787 Pro-Wertungen und 19.387 Contra. Zu Beginn habe man mit deutlich mehr „Stimmenhäufung“ zur Mehrheitsbeschaffung einzelner Vorschläge gerechnet. Eine vorherige Festlegung auf eine bestimmte Menge blieb allerdings aus. Gleichzeitig wurde die Liste der Top 30 Vorschläge kritisiert, die zu sehr einenge oder aber sogar gekürzt werden müsse. Diese Kriterien sind erst im laufenden Prozess entstanden. Note: befriedigend

Morgen: Nutzerfreundlichkeit, Qualität der Beiträge

Woher kommt "Arbeit"?

Tag der Arbeit

Donner ist gut und eindrucksvoll, aber die Arbeit leistet der Blitz, Mark Twain
Zum Tag der Arbeit habe ich einmal in meinem Duden nachgeschaut: Das gemeingerman. Wort "Arbeit" ist wahrscheinlich eine Bildung zu einem im germanischen Sprachgebrauch untergegangenen Verb mit der Bedeutung "verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein", das von "Waise" abgeleitet ist. Lange bedeutete das Wort im Deutschen "schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage". Den sittlichen Wert der Arbeit als Beruf des Menschen in der Welt hat Luther mit seiner Lehre vom allegemeinen Priestertum ausgeprägt. Spannend geht es dann weiter mit der Differenzierung, welche Arten von "Arbeit" es eigentlich gibt: Produktivkraft, schöpferisches Schaffen, Erwerbsarbeit, Freiwilligenarbeit, Hausarbeit...........

Frohes Schaffen und einen schönen 1. Mai! 
Mehr gibt es sicher dann in den Nachrichten um 20 Uhr.

Samstag, 30. April 2011

Kriterien heute: Innovation / Mobilisierung der Bürgerschaft

Wie erfolgreich war das Verfahren zum Bürgerhaushalt?
Eine Analyse anhand eines Kriterienkatalogs

Kriterium 2 (von 14): Innovation
Innovation ist durch das Format des Bürgerhaushaltes gegeben. In Gütersloh ist ein solches Format breiter Beteiligungsmöglichkeit bisher noch nicht zum Zuge gekommen. Es war daher ein großes erstes Experiment, in dessen Folge sich die Trias Bürger, Politik und Verwaltung zunächst selbst in ihre Rolle einfinden mussten. Es ist Neuland beschritten worden, obwohl es Bürgerhaushalte in vielen anderen Städten gibt. Der Fokus allerdings liegt hier darauf, dass es Vorschläge Gütersloh-spezifischer Art gab, die andernfalls nicht gemacht worden wären. „Viele Augen sehen mehr“ kam zum ersten Mal organisiert zur Anwendung. Durch die Nutzung eines eigenes eingerichteten Online-Portals, mit Begleitung durch Zebralog/Fraunhofer Institut, war die Beteiligungsphase in der Online-Nutzung hoch professionell. Besonders innovativ zu bewerten ist dabei der offene Ansatz an sich: Die Online-Plattform sollte nicht nur „Sparvorschläge“ aufnehmen, sondern als Kanal für Anregungen, Ideen und auch Priorisierung von kommunalen Neu-Vorhaben gelten. Diesem offenen Anspruch ist die Plattform besonders gerecht geworden. Note: sehr gut

Kriterium 3 (von 14) Mobilisierung der Bürgerschaft
Die Mobilisierung der Bürgerschaft ist durch die Medienarbeit der Stadt (traditionell und online) sehr gut vorbereitet und durchgeführt worden. Die eher mäßg besuchte Eröffnungsveranstaltung der Stadtverwaltung in den Räumen der VHS zeigte, dass eine Online-Plattform eben keiner traditionellen Veranstaltungsformate als flankierende Maßnahmen bedarf, da die Bürgerschaft ihr Votum auch via Internet einbringen will und nicht zwingend real erscheint.

In der Startphase und der Aktionsphase (drei Wochen) berichtete die örtliche Presse sehr ausführlich und begleitend. Teilweise wurde auch kritisch berichtet, insbesondere, als die Thematik der „Feuerwehr und einer möglichen Nutzung durch Nicht-Gütersloher Bürger“ aufkam. Leider flaute die Frequenz der Berichterstattung in der Beratungsphase der Vorschläge in den Gremien stark ab, auch in der Bewertungsphase am Ende des Prozesses gab es sehr wenig Resonanz. Eine grundlegende Bewertung des Bürgerhaushaltes als Beteiligungsformat in der Öffentlichkeit fehlt, da sich bisher lediglich die Stadtverwaltung und die Politik dazu geäußert haben - nicht aber die Bürgerschaft selbst. Eine Befragung hätte sich anschließen müssen. Gelungen ist es allerdings, die Interaktion innerhalb der Bürgerschaft zu ermöglichen, die ansonsten überhaupt an keinem eigenes dafür geschaffenen Ort stattfindet. Die Politik hat an dieser Stelle insgesamt am schlechtesten abgeschnitten, da ihre Informations- und Mobilisierungspolitik eher zufällig und wenig informativ war, was Veranstaltungen, Online-Infos oder Aufrufe anging. Note: befriedigend

 Morgen mehr: Transparenz / Verbindlichkeit der Vorschläge

Donnerstag, 28. April 2011

Wie erfolgreich war das Verfahren zum Bürgerhaushalt?

Eine Analyse anhand eines Kriterienkatalogs

Gemeinsame Problemlösung für die Zukunft
Meine deutliche These vorweg: Beteiligungsverfahren sind aus der politischen Kultur unseres Landes nicht mehr wegzudenken. Seit ihrem Entstehen in den frühen 70er Jahren und der Weiterentwicklung in den letzten Jahrzehnten stehen wir heute vor immer differenzierterer und sogar gesetzlicher Verpflichtung dazu.

Neue Formen des Dialogs auf Augenhöhe sind gefragt. Es geht um den gemeinsamen Diskurs. Erörterung von Sachfragen und die Problemlösung stehen im Zentrum künftiger Zukunftsfähigkeit. Die hohe Komplexität in unserem Leben macht neue Formen der Begegnung und der Entscheidung notwendiger denn je. Am Anfang eines solchen Prozesses steht meistens ein deutlich umrissenes und definiertes Problem. Etwa ein Haushaltsdefizit, also Finanzloch, in einer Kommune.

Nicht nur ein Kriterium für den Erfolg
Diese Situation war auch der Beweggrund für Gütersloh, neue Wege in der Haushaltspolitik zu beschreiten. Die Genese des Bürgerhaushaltes soll hier nicht wiederholt werden, sie liegt zwischen Zwang durch Bürgerproteste bis hin zum stets geäußerten Zweifel an der Richtigkeit eines solchen Verfahrens und dem ausdrücklichen Wollen der Verwaltung. Nur so viel sei in Erinnerung gerufen, dass das Verfahren, also der Ablauf zum Bürgerhaushalt an sich (inklusive einer zu erstellenden Liste der Top 30 Vorschläge) von allen Fraktionen im Finanzausschuss (!) abgesegnet wurde. Welche konkreten Kriterien für ein Gelingen erfüllt sein müssten, wurde im Vorfeld aber nicht ausreichend geklärt. Daher ist in Gütersloh zu Beginn des Verfahrens leider nur ein Kriterium stillschweigend zugrunde gelegt worden, ohne dass sich die Beteiligten real darauf geeinigt hätten: die Quote der Beteiligung. Die Marge der Beteiligungsquote anderer vergleichbarer Städte von rund 1,5 bis 2,0 Prozent galt als Messlatte für das Gelingen des Bürgerhaushaltes in Gütersloh. Dieser Wert speiste sich jedoch eher aus den Erfahrungswerten des begleitenden Partners Zebralog/Fraunhofer Institut als dass er selbständig von den politisch Verantwortlichen in der Stadt „gesetzt“ worden wäre.

Erreicht wurden in Gütersloh am Ende 1,7 Prozent Beteiligung. Diese Quote allerdings wurde schon während des Verfahrens und auch im Nachklang durch Teile der Ratsfraktionen mehrfach in Zweifel gezogen. Daran gekoppelt schwang daher bereits zum Ende des Online-Verfahrens auch immer schon die Frage mit, ob das Verfahren eine Wiederholung finden würde.

Gemeinsamer Kriterienkatalog ist notwendig
Um nun am Ende einen gemeinsamen Diskurs über das Verfahren führen zu können und eine abschließende Bewertung zu ermöglichen, bedarf es der Spielregeln, die allen Beteiligten bereits von Anfang an deutlich sind - und die von allen akzeptiert werden. Beteiligung braucht also Kriterien, anhand derer am Ende für alle messbar ist, ob und wie Beteiligung effektiv war. Das Zugrundelegen eines einzelnen Kriteriums für das Gelingen oder Scheitern eines Bürgerhaushaltes jedoch verengt die Möglichkeit der Bewertung deutlich. Viele Aspekte eines Beteiligungsverfahrens geraten dabei aus dem Blickfeld. Diese zusätzlichen Aspekte aber sind notwendig, um die Komplexität eines solchen Verfahrens ablichten und bewerten zu können.

Jetzt steht die Stadt also am Ende dieses ersten Bürgerhaushaltes. Die Frage der Bewertung steht im Raum: Ist er gelungen oder nicht?

Kriterien der Bewertung
Folgende zusätzliche Kriterien könnten daher für die Bewertung herangezogen werden (siehe dazu auch: Kubicek, Herbert, Lippa, Barbara und Koop, Alexander: Erfolgreich beteiligt? Nutzen und Erfolgsfaktoren internetgestützter Bürgerbeteiligung, Gütersloh 2011, Verlag Bertelsmann Stiftung)

  • Ressourcen / Kosten
  • Innovation und Professionalisierung
  • Mobilisierung
  • Transparenz
  • Verbindlichkeit
  • Repräsentativität
  • Nutzerfreundlichkeit
  • Qualität der Beiträge
  • Zufriedenheit der Nutzer
  • Akzeptanz
  • Anschlussfähigkeit
  • Erhöhung der Demokratieeinstellung
  • Nachhaltigkeit
  • Effizienz

Kriterium 1 (von 14): Kosten und Ressourcen
Die Kosten respektive die bereitgestellten Ressourcen von 70.000 Euro für die Online-Plattform sind immer wieder in die Kritik geraten. Dem gegenüber stehen jedoch die 164.000 Euro, die der Rat der Stadt dem Beratungsunternehmen Rödl&Partner für die Unterbreitung von Haushaltskonsolidierungsvorschlägen 2008 gezahlt hat. Diese Gelder wurden zudem im nicht-öffentlichen Teil der Gremien abgestimmt. Es gilt also abzuwägen, was politisch höher zu bewerten ist: die Vorschläge von der „Stange“ eines Beraters, die es hundertfach gleich gibt oder aber die breite Einbeziehung der eigenen Bevölkerung, die ihr Wissen und ihre Kenntnisse der Stadt in den Prozess mit einbringt? Zudem gilt hier, politisch zu bewerten, was mehr zählt: die hohe Legitimation von Entscheidungen durch die eigene Bürgerschaft oder das Know-how Externer, deren Ergebnisse große Proteste ausgelöst haben - bis hin zur Demonstration gegen Kürzungen im Bildungsbereich vor dem Rathaus. Ressourcen wurden darüber hinaus aus der Verwaltung der Stadt bereitgestellt, so zeigte sich die Betreuung der Online-Phase als eine Querschnittsaufgabe der gesamten Stadtverwaltung mit den jeweiligen Fachbereichen im „backoffice“, die den Moderator (Zebralog/Fraunhofer Institut) bei seiner Arbeit effektiv unterstützt hat. Die Verwaltung hat sich mit der laufenden fachlichen Aufnahme der Vorschläge als ein Sparringpartner gezeigt, der zwar Grenzen aufgezeigt hat, wenn die Handlungshoheit der Stadt überschritten wurde, aber auch Hinweise zur Konkretisierung aus allen Fachbereichen liefern konnte. Note: sehr gut

Morgen geht es weiter mit Teil 2: Kriterium 2 und 3.

Dienstag, 26. April 2011

Meine Antwort auf die Replik Kornfeld - Tadel wegen Fragenstellen

Heute: Meine Antwort auf die Replik von Siegfried Kornfeld auf meine Argumentation "Pro Anonymität beim Bürgerhaushalt"

Sehr geehrter Siegfried Kornfeld,

vielen Dank für die ausführliche Replik gegen meine Argumentation für die Anonymität beim Bürgerhaushalt. Gerne nehme ich dazu Stellung. Vorweg allerdings dies: Beim Lesen begleitete mich fortwährend das Gefühl, unterschwellig tadelst Du eigentlich mich mit dem Vorwurf: „Du darfst nicht einfach etwas in einem Blog schreiben und veröffentlichen.“ Doch, lieber Siegfried, das darf ich. Und ich muss Dich nicht erst fragen, ob ich das darf. Deine Haltung erinnert mich an die Gattung „moralinsaure Zeigefinger der Gutmenschen-Fraktionen“. So eine Blogseite wie meine trage dazu bei, meinst Du, das Bild der „Kaste der Politiker“ wie es an Stammtischen oder unter sonstigen Fußkranken der Staatsbürgerkunde gepflegt wird. Das ist eine Frage des Glaubens, meine ich. Während Du seit nunmehr 25 Jahren Rats- und Funktionärstätigkeit in der Politik hinter Dir hast, was an sich schon gegen Demokratie spricht, und damit dem „System Politik“ angehörst, stelle ich einfach nur Fragen an das politische System. Und stelle fest, dass es an vielen Ecken nicht mehr aussagefähig ist – eine davon ist die Frage nach Bürgerbeteiligung. Die ist eindeutig noch nicht abschließend beantwortet. Fragen zu stellen ist allerdings ein Akt der Freiheit, hat mit Stammtisch wenig zu tun, wohl aber mit dem Suchen nach Verbesserungen. Und dass ich dabei nicht in den Dialog getreten bin, ist falsch. Unsere Treffen der Bürgerinitiative waren stets öffentlich, Dich habe ich allerdings keinmal dort angetroffen, während die Initiative immer den Weg in die Fraktionen gefunden hat. Für Demokratie muss man aus dem Haus gehen, meinst Du und es gehöre die „Rede“ dazu sowie die Begegnung der realen Menschen und man müsse sich an seinen Forderungen messen lassen.

Repräsentativ: Zustand glorifiziert
Du schreibst „Wer größere Bürgerbeteiligung sucht, in der Form aber repräsentative Anteile der Bürgerschaft von einer Beteiligung ausschließt, begibt sich in Widersprüche.“
Hinzu kommt die Kritik, Bürger würden ihre demokratische Bringschuld nicht einlösen.
Einerseits ist die Gefahr einer digitalen Spaltung der Gesellschaft vorhanden. Allerdings spricht dem entgegen, dass kein Medium an sich, so schnell und direkt erreichbar ist, wie der Zugang zum Netz. Die Allgegenwart des Netzes, das es jedem ermöglicht, sich schnell und unbürokratisch in Prozesse einzuklinken, beginnt ein breites Bedürfnis nach aktiver Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu erzeugen. Diesen Zugang mehr Menschen zu ermöglichen, könnte daher sogar Gegenstand entsprechender Sozialleistungen werden, meint dazu Prof. Peter Kruse bei seiner Anhörung in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ im Juli 2010.
Ferner stehen wir vor dem Fakt, dass in der bisherigen Politiktradition die Bürger seit Jahrzehnten auf Distanz gehalten wurden und höchstens zu Wahlzeiten ihr Kreuz für eine Partei machen konnten. Die Politikvermittlung zwischen den Wahlen tendierte gen Null. Es gab de facto kaum institutionalisierte Formate des Austausches, des Dialogs zwischen den Regierenden und den Regierten. Es gab und gibt ein extremes Defizit der Information der Regierenden an die Regierten. Es gibt ein extremes Defizit der fortlaufenden Einbindung in Entscheidungsprozesse. Und: Durch die Wahl wurden die Gewählten in eine „höhere Sphäre“ katapultiert. Zudem entwickeln sich die Gewählten immer mehr zu Teilen des Staatsapparates selbst, den sie doch eigentlich kontrollieren sollen. Ferner werden ganze Bereiche der Restbeteiligungsmöglichkeiten aus den Gemeindebelangen ins Unerreichbare verschoben, d.h. sie entziehen sich dem Zugriff der Gestaltung durch die Bevölkerung.
Bürger wollen aber mehr. Sie wollen informiert werden, sie wollen diskutieren, sie wollen Alternativen aufzeigen und ggf. vorhandene Möglichkeiten bewerten – und dann darüber abstimmen. Viel Bürger haben erkannt, dass es um IHRE Sache geht. Das ist der Kernpunkt von Demokratie. Im Netz formieren sie sich als Gemeinschaft, sie lassen sich durch die Politik nicht mehr in Einzelbürger zerlegen, denen in Folge schnell das Vertreten von Partikularinteressen vorgeworfen wird, ein stereotypes Killerargument der Politik gegen die Bürger. Aber genauso will es die Politik.
Nach dieser Tradition muss man sich nicht wundern, wenn sich die Bürger erstmal nicht mehr trauen, selbst zu denken, selbst zu fragen, selbst zu agieren. Daher braucht es dieser Zeit dringend wieder demokratische Übungsplätze. Übungsplätze, Mut zu entwickeln, den eigenen Sachverstand einzusetzen: Demokratischen Verstand und Habitus zu lernen, indem man Demokratie übt. Das ist die Hauptrichtung notwendiger Reformen. (Siehe Prof. Roland Roth et alii in: Die verstockte repräsentative Demokratie – Für eine Demokratisierung von unten, März 2011)

Netzkontrolle heißt Zensur
Streng genommen bedarf es einer neuen Radikalität, eines zivilen Ungehorsams, einer selbstbewussten Inanspruchnahme der neuen Möglichkeiten, sich einzubringen – ohne auf die Zustimmung der Gewählten zu warten. Mit dem Bürgerhaushalt ist nun sehr mutig ein erster Schritt dahin gemacht. Die digitale Form des Gütersloher Bürgerhaushaltes ist gewählt worden, um den Prozess der Beteiligung und der Entscheidungsfindung zu rationalisieren, schreibst Du. Das ist zum Teil richtig, denn hiermit hat das neue Medium Netz Einzug gehalten. Was nur eine Frage der Zeit war. Dieses Medium allerdings so formalisieren zu wollen, dass es der alten Tradition der Politik entspricht, ist anachronistisch und – verkennt die Realität. Das Internet ist ein sich selbst organisierendes System, der Versuch einer Steuerung oder der Kontrolle ist prinzipiell zum Scheitern verurteilt, so u.a. Prof. Kruse. Auf den Bürgerhaushalt übertragen heißt das: Es geht nicht darum, die Bürgervorschläge zu vereinheitlichen, personenscharf zu machen, in kleine Portionen zu verpacken, wieder den Einzelnen in den Fokus zu rücken. Sondern es geht darum, dass die Bürger mittels Anonymität erst einmal wieder Mut schöpfen, sich überhaupt einzubringen, sich zu erproben. Hier ist die Chance entstanden, sich zu einer größeren, wirkungsvollen Masse zusammenzuschließen, um dem eigentlich anonymen Gegenpart „Politik“ und einer bis dato eher intransparenten Informationspolitik gegenüber zu treten. Ein Herausfiltern Einzelner und anschließender Sezierung kann damit nicht gelingen. Bis dato war die Strategie, das „Volk“ in Einzelbürger zu verwandeln sehr erfolgreich. Mit dem anonymisierten Nutzen der Technik jedoch ist aus dem Volk wieder das geworden, was es ist, eine große Menge unbestimmbarer Einzelteile. Ein Schwarm, dem eigene Intelligenz innewohnt. Die einzige Chance, diese Energie für kurze Zeit zu unterbinden ist der Eingriff über Zugangsbeschränkungen, Indizierung oder auch: Zensur.
Es bleibt zu vermerken, dass das Medium nicht durchgehend anonym genutzt wurde, sondern viele haben sich bereits namentlich angemeldet, keiner wurde daran gehindert. Wenn nun rund 1.700 Nutzer das Portal für sich entdeckt haben, dann ist das eine deutliche Aussage für den Wunsch, sich einzubringen und auch der Wunsch nach der Möglichkeit der Anonymität. Solange die Übungsphase der neuen demokratischen Beteiligung noch nicht abgeschlossen ist, ist daher an der Anonymität festzuhalten.

Anonymität längst Alltag
Diese Praxis der Anonymität wird übrigens von vielen Teilen auch der Gütersloher Politikprominenz durchaus angenommen und goutiert: In Facebook haben viele einen eigenen Account und teilen jedem (teilweise auch anonymen) Interessierten so gerne mit, auf welchem Flughafen man sich gerade befindet, welchen Ortsverein man gerade besucht hat oder an welchem Grünkohlessen man teilnimmt. (Siehe dazu hervorragend der Blogbeitrag vom 24. April 2011 von OleWintermann, Globaler Wandel)

Und selbst die bundesweiten Qualitäts- und Leitmedien setzen heute auf anonyme Informationsquellen wie Blogbeiträge und Videobotschaften. Diese neuen Formen sind sogar zu bahnbrechenden Katalysatoren geworden, den gesamten nordafrikanischen Landstrich zu demokratisieren. Von Wikileaks will ich gar nicht erst schreiben. Anonymität sind dabei Prädikatsfaktoren: Es geht nicht mehr um Personen, sondern um Inhalte.
Hier aber schreibst Du, die Einträge der Anonymen im Bürgerhaushalt hätten keine Legitimation und die Teilnehmer wären nicht repräsentativ. Das hat auch keiner behauptet. Im Gegenteil, es wurde offen kommuniziert, vor allem von der Politik, die von vornherein dargelegt hat, die Vorschläge seien nicht bindend. Allerdings müsste die Menge der Vorschläge ein Zeichen sein dafür, dass sich die Gütersloher Bevölkerung GEDANKEN macht.

Deutungshoheit verschiebt sich Richtung Bürger
Keine andere technologische Innovation hat eine vergleichbare Durchdringungsgeschwindigkeit und Alltagsreichweite gehabt, wie das Internet. Die emotional geführte Debatte dazu ist dann auch eine Frage, in welcher Phase der persönlichen Bewältigung des Neuen sich der jeweilige Protagonist befindet, sagt Kruse, selbst Jahrgang 1955. Es ist an der Zeit, deutlich zu machen, dass sich mittels Nutzung dieser neuen Online-Formate eine deutliche „Machtverschiebung“ ergeben hat. Die naturgemäß diejenigen schmerzt, die diese vorher inne hatten. Nicht mehr die Sender bestimmen, sondern jetzt sind es die Empfänger, diejenigen, die die Resonanz erzeugen können. Die Möglichkeiten hier werden immer wieder mit dem „Schmetterlingseffekt“ aus der Chaostheorie verglichen, nach dem Motto „kleine Ursache – große Wirkung“. Dieses Phänomen gab es auch beim Bürgerhaushalt, als ein Feuerwehrmann offenkundig mit einem Eintrag eine ganze Hierarchie einer Organisation in Frage gestellt hat, die sonst nur in kleinen Kreisen zu Sprache gekommen wäre.

Neues Politikverständnis
Ohne Experimentierfreude würde sich Demokratie nicht weiterentwickeln. Dazu gehört auch die Überwindung der Angst in der Politik vor unvorhergesehenen Ergebnissen, vor Verlust der alleinigen Deutungshoheit von komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen, die die Politik längst alleine nicht mehr bewältigen kann.

Du jedoch nimmst grundsätzlichen Bezug auf das antike Politikverständnis, Du schreibst, man müsse sich auf die Ursprünge besinnen, um dem Nebel der Gegenwart begegnen zu können: Das System der Politik beruhe auf der Vorherrschaft des gesprochenen Wortes über alle anderen Instrumente der Macht. Du bemühst das Logos in der Form der vernünftigen Rede. Es bedürfe auch eines Publikums, an das sich das gesprochene Wort als seinen Richter wendet. Diesem aristotelischen Standpunkt sind etliche philosophische Diskurse gefolgt und auch vorgelagert, die die Redekunst sehr kritisch hinterfragen. Zunächst gilt es zu klären, ob die Redekunst dieser Tage denn wirklich die Kunst des Überzeugens ist mit dem Ziel der Wahrheit mittels der Glaubwürdigkeit näher zu kommen - oder ob sie nicht doch eher zur Überredungskunst mutiert ist. Es gab und gibt viele Virtuosen, die die Klaviatur der Rede glänzend beherrscht haben, viel Freude am öffentlichen Auftritt zeigten aber am Ende mit wenig Feingefühl für die Wirkungen ihres Spiels grandiosen Schaden angerichtet haben. Redekunst, besonders der Politiker, erleben „wir“ fast täglich in den medialen Sprechblasen der Talkshows, in denen Politik zum wohlfeilen Populismus verkommt, Politiker aller Parteien sich dabei überbieten, gedrechselte Worte wiederzukäuen und dabei neuerdings Lobeshymnen auf die populäre Bürgerbeteiligung dichten. Von logos ist dabei wenig zu spüren. Den Punkt, dass Redekunst auch zwingend dazu eingesetzt wird, Macht herzustellen, können wir gerne an anderer Stelle weiterführen....

Zudem führst Du den antiken Gedanken an, Politik impliziere „Gemeinschaft“ und finde sich auf dem Marktplatz, dem öffentlichen Versammlungsplatz der Bürger. Diese Idee kann ich verstehen, wenn so etwas auf dem Marktplatz im Ortsteil Isselhorst vielleicht noch möglich ist. Allerdings schließt das auch diejenigen aus, die nicht auf dem Markt einkaufen (können) und die nicht zu den bekannten Gesichtern des Dorfes zählen – also viele, wenn man bedenkt, dass Isselhorst eine gut situierte Bürgerschaft sein Eigen nennt. Das entspringt der Ära des alten Buddenbrook, der als langjähriger Senator mit Zylinder auf dem Kopf einzelne Gespräche mit der Bürgerschaft suchte, die ihm schmeichelten und seine Sorge um das Gemeinwohl öffentlich zur Schau stellten. Und noch eins: Platon war auch kein Demokrat an sich. Am Ende verlangte er die bedingungslose Aufopferung der Einzelnen für ihr Gemeinwesen. Demokratie und ihre Erscheinungsformen haben sich nun seit Jahrhunderten weiterentwickelt. Und sie wird auch jetzt nicht stehen bleiben, wo sie ist. Das zumindest sagte auch Platon: Unsere Staatsform der Demokratie ist noch nicht das letzte Wort, nicht einmal das vorletzte.

Experimente zulassen
In den kommenden Jahren wird sich das „System Politik“ dieser neuen Formen nicht verschließen können. Es muss Experimente zulassen, um überleben zu können. Die aktuellen Protestbewegungen machen das deutlich, in dem ein großes Maß an Anonymität existiert – vor der aber die Aktiven keine Angst haben, sondern diese als Transmissionsriemen zu nutzen verstehen. Die nachrückende Jugend ist hier bereits anders sozialisiert, es ist also nur eine Frage der Zeit, wann sich diese Änderungen ganz durchsetzen, obwohl sie im Prinzip schon immer im System geschlummert haben, leider all zu oft von der Parteienräson eingefangen wurden:
Bei unserer Umfrage der ehemaligen Ratsleute in Gütersloh (Zimmermann, Knopp, 2009) ist etwa deutlich geworden: Diejenigen, die zwischen 15 bis 25-Jahren in die aktive Kommunalpolitik eingestiegen waren, geben überdurchschnittlich oft an, „etwas außerhalb von Wahlen bewegen/gestalten“ zu wollen. Besonders wichtig war dabei offensichtlich das politische Zeitgeschehen zur Zeit des eigenen aktiven Einmischens in die Politik. Zudem sind der Wunsch nach mehr Demokratie sowie nach einem generellen Wertewechsel (herausragend: ökologische und soziale Sicherheit) besonders häufig als Antwort vertreten.

Wunsch nach Veränderung durch Parteien vereitelt
Nach dem Austritt aus der aktiven K-Politik gaben viele als Beweggrund an: An erster Stelle steht für die Mehrheit eine zu starke Parteiräson und ein starrer Fraktionszwang sowie krampfhaftes Festhalten an Parteiprogrammen statt das sachorientierte Ausloten von Lösungen. Es folgen das Fehlen von echter Bürgerbeteiligung, mangelnde Transparenz der Entscheidungswege innerhalb der Politik sowie oftmals mangelnde Sachkenntnis. Besonders kritisch werden die allzu groben politischen Auseinandersetzungen ohne erkennbare Wertschätzung sowie fehlendes interfraktionelles Arbeiten zum Erreichen von Lösungen betrachtet. Nur sehr wenige der ehemaligen Mandatsträger sind nach ihrem Ausscheiden aus den kommunalpolitischen Ämtern noch in der Partei aktiv. Einige wenige Befragte haben ihren Schwerpunkt auf außerparlamentarische Gruppierungen verlegt wie attac und Gewerkschaften. 68 % haben sich andere Ort des Ehrenamtes gesucht, etwa Vereine.

Was genau den Unterschied ausmacht zwischen dem kommunalpolitischen Wirken und dem Engagement in anderen Formaten beschreiben die Befragten sehr deutlich: Betont wird hier von fast allen Befragten die größere persönliche Freiheit, die sich vor allem darin ausdrückt, dass ein selbstbestimmteres Arbeiten außerhalb der Politik möglich ist, ebenso wie das lediglich kurzfristige Engagement möglich ist, die Regelmäßigkeit wegfällt, das Formelle fehlt, weniger Zeitaufwand betrieben wird und mehr Zeit fürs Handeln bleibt ohne Projekte zu zerreden. Der Aspekt, in diesem Rahmen mehr Veränderung herbeizuführen als in der Politik, kommt zahlreich zum Ausdruck.

Die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, noch einmal ein Mandat in der Kommunalpolitik übernehmen zu wollen, beantworten dann auch deutliche 65% mit einem klaren „Nein“.

Welche Änderungen konkret zu einer größeren demokratischen Teilhabe in Parteien und Kommunalparlamenten führen könnten, beschreibt der größte Teil der Befragten darin, mehr direkte Bürgerbeteiligung zu ermöglichen. Diese Aussage steht unangefochten auf Platz eins.

Keine Frage – einfach machen
Da kann ich mich nur anschließen. Und Dank dafür, dass Du mir weiterhin viel Kraft des „vollen Einsatzes“ wünschst, was immer das heißen soll. Um Erlaubnis fragen werde ich Dich jedenfalls dafür nicht.