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Sonntag, 26. Mai 2013

Sub - oder Hochkultur - wer überlebt?

Eine neue alte Quelle der Empörung öffnet sich - das Überleben des Soziokulturellen Zentrums "Weberei" steht (wieder) zur Disposition. Eine Mehrheit der Fraktionen CDU, Grüne, UWG, FDP und BfGT verneint einen weiteren Zuschuss in Höhe von 100 T. Euro. Eine seltene Einigkeit - und damit das mögliche Aus für ein Soziokulturelles Haus, einst erstritten von der Basis? Dabei geht es eigentlich darum: Was ist mehr wert, was ist gewollt - Sub- oder Hochkultur? Diese Frage aber wird nicht gestellt. Da zieht jemand am Gängelbändchen in eine bestimmte Richtung....


                           Sub- und Hochkultur - welche ist mehr wert?       Fotos  ak 2013
Die Geschichte der Weberei ist lang. Die Geschichte der Zuschüsse ist lang. Die Geschichte der möglichen Übernahme durch einen finanzstarken Gütersloh liegt kaum zwei Jahre zurück. Jetzt beginnt die Diskussion von vorne. Die obige politische Mehrheit meint, "Bürger" müssten nun die Weberei übernehmen, ein weiterer städtischer Zuschuss komme nicht in Frage. Die bisher betreibende PariSozial sei aus dem Rennen, man lasse sich zur Erlangung eines weiteren städtischen Zuschusses nicht erpressen; die Information über einen weiteren Finanzbedarf sei zu spät eingegangen.... Kleinteiligte Diskussion um ein altes Thema.

Viel interessanter ist die größere Strategie hinter diesem oberflächlichen Gezänk:



1) Hochkultur und Subkultur brauchen mehr... 


Die Weberei benötigt weitere 100 T Euro p.a. zum Überleben. Sie läge damit bei 263.000 Euro pro Jahr. Darin enthalten sind zudem 30.000 Euro für die Arbeit des Jugendkulturrings, der hier übernommen wurde. 

Die "Kulturräume Gütersloh" bestehend aus dem Theater, der Stadthalle und der Gastronomie benötigen im Vergleich dazu neben einem bereits vorhandenen Defizit von rund 3,0 Millionen einen weiteren Zuschuss in Höhe von rd. 500.000 Euro für 2012. Auch dieser Zuschussbedarf war erst bekannt geworden, nachdem der städtische Haushalt eingegangen war. Der Aufschrei der Politik liegt hier gerade mal zwei Monate zurück und ist verpufft. Man hatte sich als Kompromiss darauf geeinigt, die Saalmieten zu erhöhen und die Subventionen an Vereine und Schulen zu streichen. Gleichzeitig fasst man aber schon die modernisierte Umgestaltung des "Umfeldes" ab 2018 ins Auge, wonach die Wege und die Terrassen und dergleichen im Millionenbereich aufgemotzt werden sollen...


Braucht auch mehr Geld: Kulturräume GT
Beide Häuser (Weberei und Kulturräume) bemühen sich um Kultur. Das eine Haus um die Szene (ja, es gibt sie!!), das andere um Hochkultur. Nun hat beides seine Berechtigung in einer Stadt, die eben nicht homogen ist, sondern sich durch Vielfalt der Bevölkerung auszeichnet. Und auch durch: Alt und Jung. Während das junge Publikum deutlich häufiger die Weberei besucht als die "Kulturräume". 

Nun kann man ein Defizit der Weberei offensichtlich leicht zuordnen, es sei der Gastronomiebereich, der dieses produziere. Die Zuordnung der Defizitquelle bei den Kulturräumen allerdings ist sehr viel schwieriger, weil durch die Zusammenlegung des Theaters, der Stadthalle und der Gastronomie nicht wirklich klar wird, wer was und wo ein Minus verusacht. Zudem finden die Diskussionen über die finanzielle Aufstellung der "Kulturräume" stets im nicht-öffentlichen Teil des Ausschusses statt. Im Gegensatz dazu ist die finanzielle Situation der Weberei geradezu verblüffend öffentlich.

Hier wird Kultur mit zweierlei Maß gemessen. Die Hochkultur als ein durchweg städtisch gewolltes Konstrukt, das aber auch gut und gerne von der gutsituierten und hochdotierten Gesellschaft der Stadt gestützt und auch subfinanziert wird. Die Weberei als Gewächs von "unten" mit eben keiner solchen Geldquelle, weil das Klientel noch am Anfang der Erwerbstätigkeit steht.

Anstatt nun eine Generaldebatte darüber zu führen, was Kultur in welcher Prägung (Hoch, Sub oder Clubmäßige Kleinkunst) wert ist in einer Stadt - und wie dies zur Attraktivität des Lebens beiträgt, streitet man sich um den schwächsten Partner - ohne den starken Partner überhaupt jemals ernsthaft in Frage zu stellen. Erinnert sei hier auch an die Millionenbeträge, die in die Komplettsanierung der Stadthalle fließen, brav über mehrere Jahre verteilt, damit die Gesamtsumme nicht in einem Haushalt derart gigantisch ins Auge fällt und die Bevölkerung alarmiert.

Ohne eine öffentliche Grundsatzdiskussion also sollte das städtische Geld nicht verteilt werden. Zumal in Wahlzeiten immer wieder versprochen wird, Hoch- und Subkultur gleichermaßen zu unterstützen.

Zudem zeigen die beiden Verwaltungsvorlagen zu diesem Thema im Kulturausschuss eine deutliche Priorisierung der Hochkultur - die kleinen Details der Boshaftigkeit sind sehr versteckt:

Grundsätzlich stimmt die Verwaltung einem weiteren Finanzierungsanliegen der Weberei zu - schreibt sie. Nun hat die Politik diesem Ansinnen ja ein Ende bereitet. Die Vorlage führt aber trotz ihrer oberflächlichen positiven Bewertung genau hin zu diesem "Nein". Das Gängelbändchen hat sein Ziel erreicht, die Politik hat so gestimmt, wie die Vorlage (der Verfasser) es gewollt hat: gegen die Weberei.

Sehr subtil wurde hier die Feder geführt und die misstrauische Grundstimmung gegen die Weberei genährt. Vor allem die gedankliche Kopplung an die Gastronomie bricht der Weberei unterschwellig das Genick, das Gesamtkonzept fällt dabei geflissentlich heraus, wird nur am Rande erwähnt. So endet die Vorlage dann auch mit dem Ausstiegssatz: "Es ist auch nicht Aufgabe der Stadt, einen mit dem Betrieb der Weberei zwangsläufig verbundenen Gastronomiebetrieb zu führen." - Man darf hier erinnern an die Diskussionen um einen neuen Herd in der Gastronomie der Stadthalle, der schon mehrfach von der Stadt neu gekauft wurde.... damit die Stadthalle gehobene Küche anbieten könne.

Das Theater - schön aufwärts
Während die Vorlage zur Weberei Bemühungen zur Optimierung vermissen lässt, liest sich die Vorlage zu den Kulturräumen gar mustergültig, hier wird die oben geforderte Erhöhung der Mieten und der Streichung der Subventionen aufgelistet. Die Streichung dieser Gelder für Vereine und Schulen ist insofern interessant, als der umstrittene Theaterneubau eben dadurch gerechtfertigt wurde: man werde das Theater allen zur Verfügung stellen, eben auch Schulen und damit der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, die über nicht so viel Geld verfügt. Nun wird der Zugang aber deutlich erschwert! Schön auch: die Subventionen werden hier gestrichen. Offengestellt wird, diese Subventionen aber in anderen Fachbereichen zu belassen, etwa im Bereich Jugend und Soziales. Damit spart die Stadt also nicht, wie vorgegaukelt, sondern verschiebt auch hier die Kosten in Bereiche, die den Kulturräumen nicht zugerechnet werden können. Da versteht jemand sein Handwerk, könnte man meinen. Wenn es nicht so sehr nach Jago aussehen würde.

Die Krönung allerdings findet sich in der Vorlage zur Weberei hierin:  in einem Nebensatz wird die Frage einer möglichen "Folgenutzung" der Immobilie Weberei gestellt, wenn man sie denn schließen würde. Dies führt direkt zum nächsten Punkt...
 
2) Gentrifizierung 

Die Weberei lieg in bester Lage: direkt an der Dalkeaue gelegen, in zwei Minuten ist man zu Fuß in der Innenstadt, beginnend am Alten Kirchplatz.Super begehrtes Bauland. Superbegehrte Wohnlage!



Schaut man sich mit wachen Augen in der Innenstadt um, so lässt sich erkennen, dass auch bei uns die Gentrifizierung mit großen Schritten voranschreitet. Viele ältere Häuser werden abgerissen und durch schicke Eigentumswohnungen mit Flachdach und teuerer Penthouse-Wohnung ersetzt. Uniformierte Architektur macht ganze Straßenzüge gleich. Ein weiterer Blick in die Preislisten für diese neuen Innenstadtwohnung zeigt: damit lässt sich richtig gut Geld verdienen. Da kosten 50 qm Wohnfläche, altengerecht, schon mal 160T Euro. Die Penthouses gleich mal 320 T Euro. Wie viel Luxus-Wohnraum könnte man auf der Fläche der Weberei wohl bauen - oder auch die alten Fabrikmauern in moderne Innenstadtlofts umbauen? Architekten und interessierte Makler tummeln sich genug in der heimischen Politik, die das nicht auch schon bemerkt hätten.

Wenn dann in der Verwaltungsvorlage für die Weberei zu lesen ist, dass zwar bei einer möglichen Schließung Fördergelder an das Land NRW oder den Bund zurückzuzahlen sind, dann kann man sich trotzdem schnell ausrechnen: Macht man die Weberei zu Wohnraum, sind die Schulden schnell zurückgezahlt und ein satter Reibach fließt erst ins Stadtsäckel - und dann ins Portemonnaie einzelner Investoren.

Die Option, die Weberei müsste von "Bürgern" übernommen werden, ist eine schöne Vorstellung. Da zeigt man sich in den Reihen der Kommunalpolitiker sehr offen und basisgetragen. Dass es eine Utopie ist, ist allen klar. Diese Forderung ist scheinheilig! Und lässt die wirklichen Kostenfresser unbehelligt.















2 Kommentare:

  1. Da die Weberei denkmalgeschützt ist, wird ein Umbau in die ach so beliebten teuren Schachteln mit aufgesetztem Blockwarthaus wohl nicht infrage kommen. Und da sind noch die ICE, die mit 200 Sachen durchs Schlafzimmer donnern. So viel taube Rentner gibt's nicht mal in Gütersloh.

    Ansonsten muss ein fairer Sozialausgleich zwischen den Kulturen erfolgen. Oder geht etwa schon jetzt keiner mehr in die wenigen Veranstaltungen des Theaters, da sie völlig überteuert sind?
    Schon klar, das sind nicht-öffentliche Zahlen ...
    Dann kann man's auch verkaufen oder vermieten, z.B. als Kongreßzentrum für Bertelsmann und lieber die Weberei erhalten, denn da ist noch Leben!

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  2. @S.Beckmann: Vielen Dank für den Kommentar. Heuteb bekam ich schon einen solchen Hinweis, das Gebäude sei doch denkmalgeschützt und auch der ICE sei so laut.

    Das habe ich auf dem Schirm. Dennoch bin ich über den Satz in der Verwaltungsvorlage "Nachnutzung der Immobilie" regelrecht gestolpert. Wer in Berlin lebt, kennt das: die Nähe zur Bahn ist durch Isolierung relativ simpel auszuklammern und schreckt auch viele Mieter/Käufer nicht mehr ab. Und den Innenraum des Gebäudes kann man sicher in der Nutzung umwidmen ohne den Denkmalschutz außer Acht zu lassen.

    Nachdem ich mir am Wochenende die Neubauten an der Ecke zum Trafohäuschen angesehen habe, ist mir klar: der Parkplatz und die Weberei stehen schon auf dem Zettel eines Investors. Man denkt sich sicher: man muss nur warten können. (Denn die Nachfrage nach diesen "Schachteln mit Blockwarthaus" - sehr schön! - steigt enorm.)

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