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Freitag, 11. Mai 2012

Das Kabinett des Grauens: die Umkleidekabine


Drei Kubikmeter Raum

Der Vorhang der Kabine ist einen Spalt breit offen geblieben. Deutlich kann ich einen Frauenkörper erkennen. Mal zeigt sich ein Arm, mal die Hälfte eines ziemlich prallen Hinterns in und um einen in bleu gehaltenen Slip. Die Dame beugt sich nach vorne, der Rest des Körpers verschwindet in einer Kippbewegung aus dem Sichtfeld. Was dem Betrachter bleibt, ist ein welker Vollmond in blau. Taktvoll schaue ich zur Seite, um direkt am breiten Grinsen einer anderen Wartenden hängen zu bleiben. Sie hatte dem Schauspiel vor uns auch zugeschaut, war aber nicht so rücksichtsvoll wie ich. Laut und provokant kommentiert sie das Gesehene, „die hätte sich lieber hinter einer Holztür verstecken sollen“. Die Lacher der übrigen meist mit Kleiderstapeln vollbeladenen Mädchen sind ihr sicher. Die Situation ist eindeutig und lässt keinen Raum für wohlwollende Interpretationen: Die Zielscheibe des Spotts hinter dem Vorhang ist eindeutig zu fett. Ob der verunglimpfte Popo das auch gehört hatte, konnte ich nicht beurteilen, jedenfalls blieb die Gardine im Zustand wie gesehen und bewegte sich nicht. Ich stehe ganz ungewohnt für mich in einer langen Schlange der Wartenden vor einer Reihe von Umkleidekabinen und beobachte eher nebenbei das Phänomen „Frauen“ und deren Verhalten in eben diesen Kabinetten des Grauens.

Ein Ort der Überraschungen

Dienstag, 30. August 2011

Buddha an der Ostsee

Ich war in Timmendorf. Am Strand. Da gibt es einen eigenen Pavillion mit Buddhas in allen Größen und Fabrikaten. Natürlich habe ich mir einen gekauft. Einen Kleinen nur. Neben mir an der Kasse stand eine junge Frau, na sagen wir mal, doch eher mittelalt, vielleicht Ende vierzig. Die kaufte auch einen. Gleich eine ganze Buddha-Statue. Goldfarben. Das Ding war mindestens siebzig Zentimeter groß. Und nicht billig. 

Die Verkäuferin stülpte dem gekauften Götzen einen schwarzen Samtsack über, damit kein Schaden dran kam. Wie bei meinem auch. Dann gingen wir Einkäuferinnen im Kaufrausch der Erleuchtung gleichzeitig durch den Eingang Richtung Strand aus dem Laden. Ist schon irre: Zehn Meter und es fangen die Dünen an - ein Gefühl als würde man mit zwei Schritten aus Thailand an die Ostsee gelangen.

Die junge Frau steuerte auf eine Bank an der Promenade zu. Darauf saßen schon zwei Menschen: ein mittelalter Herr mit grauen Locken - und eine alte Dame, blondiert und toupiert, runzeliges Gesicht, aber gut gekleidet und mit würdevollem Gestus, sicher weit über siebzig. Sie war so klein, dass ihre Beine kurz über dem Boden baumelten. Die stolze Besitzerin des goldenen Buddha ließ sich zu den beiden auf die Holzbank fallen. Und stellte ihre Errungenschaft vor: "Schau mal, Schatz, habe ich gerade gekauft. Ist doch ganz großartig. So einen habe ich mir immer schon gewünscht." Sie zog den schwarzen Überzug ab wie bei der Einweihung eines Denkmals. Ich schlenderte langsam weiter.
"Oh nein, nicht noch einen", kam die Antwort von ihrem offensichtlich Angetrauten, der die Hände hochwarf.

der Dritte im Bunde
 "Wieso, ich habe noch keinen in goldfarben", verteidigte sie sich.
"Was hast Du denn da gekauft?", schaltete sich jetzt die Dame ein. 
"Ein Buddha, hast Du doch schon mal in unserer Wohnung gesehen, Omi", nun leicht gereizt die Jüngere. 
"Nein, so was stellt man sich doch nicht in die Wohnung. Ihr seid doch getauft. Das ist ein Heide", so die Ältere. 
"Blödsinn, Mutter. Darum geht es doch gar nicht. Wir haben keinen Platz für noch so´ne Figur", blieb nun er bei seinem Standpunkt. Das war also schon mal geklärt, er war der Sohn.
Mittlerweile stand Buddha auf der Bank zwischen der jüngeren Frau und ihrem Mann. Wie der magische Dritte. Die alte Dame rückte ein Stück weiter von den Dreien ab.  Ihr schien diese Nähe zu einem Heiden nicht zu passen. 

Die Szenerie war so spannend, dass ich mich auf die Ballustrade gegenüber setzte und so tat als schriebe ich etwas in meinem Blackberry. Aber ich wollte nur zuhören, wie sollte das enden, fragte ich mich.

"Nein, damit will ich nichts zu tun haben. So ein Götzenbild. Nehmen wir den etwa mit?" verzog die Omi ihr Gesicht und wich noch ein Stück weiter zur Seite. Jetzt bekam ich Angst, sie würde von der Bank rutschen.
"Klar nehmen wir den mit. Den habe ich gerade gekauft, der war nicht billig", konterte die Ehefrau. "Und Du hast gar nichts zu sagen, Omi", setzte sie fort, jetzt richtig schnippisch.

"Hör mal, so kannst Du nicht mit Mutter sprechen", schalt sie ihr Mann. "Mutter, sei jetzt ruhig, natürlich nehmen wir den mit, sie hat ihn doch gekauft", ermahnte nun er seine Mutter.

"Nein. Auf keinen Fall setze ich mich in ein Auto, in dem der mitfährt. Dann müsst ihr morgen ohne mich nach Hause fahren. So ein Götze im Auto bringt Unglück", machte sie ihren Standpunkt klar.
"Bitte? Ich glaube, du spinnst. Der Buddha fährt mit. Du kannst ja hier bleiben", sagte sie und sprang nun sehr erregt auf...

Mittlerweile war nicht nur ich Zeugin dieser, na ich will es mal Auseinandersetzung nennen. Es hatten sich schon einige Zuschauer und Zuhörer sehr tacktvoll  aber mit deutlichem Interesse um die drei gruppiert. Ich sah mehrere schmunzelnde Gesichter und verdrehte Augen. Nicht nur ich verfolgte das Gespräch mit großem Spaß. 

Die jüngere Frau setzte sich nicht wieder hin. Sie nahm ihren neuen Erleuchteten, stopfte den schwarzen Sack wieder über ihn und machte sich wutschnaubend auf den Weg. Während ihr Mann auch aufsprang und hinter ihr herlief, blieb die Omi-Mutter wie selbstverständlich auf der Holzbank sitzen und schien ungerührt.

Ich bin dann auch weitergegangen. Der Vorhang war gefallen. Dieses skurile Stück schien nur einen Akt zu haben. Dachte ich.

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Zug zurück nach Hamburg. Und wer saß in der Regionalbahn bereits am Fenster als ich einstieg? 

Ja, die junge Frau. Allein. Vor ihr ein kleiner Handkoffer. Und neben ihr: Buddha. Immer noch mit dem schwarzen Sack über der Statur. Aber ich wusste ja, wer darunter steckte.


Samstag, 16. Juli 2011

Wir stehen zu dritt im 8. Stockwerk vor dem Fahrstuhl. Und warten. Hinter uns liegt eine halbe Stunde Besuch auf der Zuschauertribüne des Ratssaals im Rathaus. Wenig Neues. Im Zustand wie gesehen: Anträge abgelehnt. 

Die roten Pfeile blinken. Das Display zeigt an, die Kabine ist auf dem Weg. Die Tür geht auf. Das stählerne Innere ist ziemlich klein. Und es stehen schon zwei Menschen drin, schauen uns erstaunt an. Es sind zwei spezielle Personen: Lokaljournalisten. Der Eine von der Zeitung mit den roten Balken, der Andere von der, die im platten Land gelesen wird. Die beiden Herren waren schon im 7. Stockwerk eingestiegen. Ungewöhnlich, dass der Aufzug nicht gleich nach unten gefahren ist. 

Wir steigen ein. Was ein Fehler war. Ich merke das gleich am Pulsschlag. Eineinhalb Quadratmeter Fläche ist eindeutig zu klein für fünf. Die Tür schließt sich. Wir stehen gequetscht. Die Luft ist dünn. Ich fühle mich wie in einem Inkubator. Nach oben ist die Kabine gefühlt nur einen Meter neunzig hoch. 
8. Stock Ratssaal
Ich rechne in Windeseile, laut: fünf Personen, 450 kg sind zulässig. Die gleichfalls gefangene Dame denkt mit: jeder könnte also 90 kg auf den Rippen haben. Ich wiege schon mal deutlich weniger. Aber die Anderen? Aus den Augenwinkeln taxiere ich die Mitreisenden nach ihrem möglichen Gewicht..... Ganz langsam sinkt der Inkubator zur Erde. Dann ein kleiner Ruck und das Ding hält. Stockwerk 5. Keiner da, war wohl der Flurgeist, der gedrückt hat. Mein Puls erhöht sich, die Sekunden ziehen sich wie Kaugummi. Kann man eigentlich an so einem dünnen Stahlseil sicher sein? Gleiches Spiel, die Türen schließen sich. Ein Ruck und es geht abwärts. Wieder hält der Stahlsarg. Stockwerk 4 blinkt es fröhlich rot. Ich sacke zusammen, der Drang ins Freie übermannt mich. Die Mitreisenden sind erstaunlich ruhig. Für Journalisten jedenfalls. Wahrscheinlich schon katastrophenerfahren. Ich sehe mich schon über den Notausstieg hinausklettern. Endlich Stockwerk 0. Angekommen. Erdgeschoss. Die stählerne Schiebetür faltet sich zur Seite. Ich quelle förmlich aus der Behausung. Drei Minuten können lang sein, gefühlte 30. Ich bin froh - dass es morgen eine Zeitung geben wird. Und wir fünf nicht als Opfer drin stehen....

Montag, 27. Juni 2011

Besuch im Baumarkt

Eine Gesellschaft verfügt über unsichtbare aber aktive kollektive Fieberkurven. Eine davon steigt an, wenn das Wetter frühlingshaft wird und die Sonne mehr als drei Stunden am Stück den blauen Himmel verschönt. Dann pilgern die Menschen mit Besitz oder festen Mietverhältnissen von Garten, Wohnungen und Häusern in Strömen in den nächstgelegenen Baumarkt. Dieser liegt zumeist an der örtlichen breitspurig asphaltierten Ausfallstraße, im sonst kulturleeren Gewerbegebiet. Auch uns hatte das Fieber über Umwege erreicht: Es handelte sich um eine Auftragsarbeit für die mittlerweile unmotorisierte Oma. Ihr Wunsch war eine Gartenbank mit Auflage für das heimische Grün einer verbliebenen Rasenfläche. Ein lange gehegter Wunsch, befeuert durch die Werbebeilage der Lokalzeitung, die seltsamerweise konsumorientierte Begehrlichkeiten stets passend zum Wetterhoch durch bunte Prospekte mit Bildern von Wohlfühlatmosphäre belebt.

Der Parkplatz ist voll, gleicht einer Werteallokation des heimischen Bruttoinlandsproduktes: Stoßstange an Stoßstange. Unsere alte Schrottkarre mit dem Antiatomaufkleber am Heck wirkt merkwürdig anachronistisch zwischen den uniformierten Silberfelgen und schwarzen Hochglanzkarossen drumherum. Wir pilgern mit dem Strom in die heiligen Hallen des Do-it-yourself.

Den Straßenplan des Baumarktinnern haben wir längst verinnerlicht, bewegen uns in den Gängen wie in einer historischen alten Stadt, die wir in kurzen Abständen immer mal wieder gerne besuchen und reichlich Souvenirs einkaufen. Ganz links hinten findet sich der Gartenbereich. Rollregale voller Geranien begrüßen uns, obwohl die Eisheiligen erst noch kommen. Hier gibt es nichts, dass es nicht gibt. Der religiöse Begriff Paradies bekommt vor dieser Offenbarung eine ganz neue Bedeutung, nur dass der Markt am Sonntag geschlossen hat. Über den Stapeln an gebeutelter Gartenerde mit den hundertfachen Sorten von Kaktus- über Saatanzucht- bis hin zur Graberde schwebt auf einem Balkon so groß wie der der Royals am Buckingham Palace die Ausstellung der Gartenmöbel: Alle tropischen Wälder der Erde sind hier durch einen diplomatischen Gesandten repräsentiert. Bänke, Tische, Sonnenschirme, Liegen, Chaiselongues, Hocker. Durch das Plexiglasdach hell erleuchtet und sonnendurchflutet, fast wie im echten Leben. Passend dazu die aktuellen Gartenaccessoires, dieses Jahr Türkis als Renner. Letztes Jahr war es noch grün in allen Facetten.

An der Gartenbank „Kent“ bleiben wir hängen. Die Architektur gefällt mit der geschnörkelten Rückbank und dem stabilen Antlitz. Auf dem daneben gestapelten Paket heißt es, die „Tragkaft“ betrage 225 Kg. Rechtschreibung darf man im Baumarkt nicht erwarten, wer weiß, in welchem Land diese Kartons gefertigt werden und wie fremd unser Wort „Tragkraft“ da anmuten muss. Ich lasse den Rotstift in der Tasche, was mir Klugscheißer schwer fällt.

Mein Mann setzt sich auf den vor der Bank aufgestellten Tisch. Nimmt nur auf der Kante Platz, um von hier oben eine bessere und prüfende Aussicht auf „Kent“ zu erhalten. Sein Vergnügen währt nicht lange. Sekunden und es knackt und er liegt mit gekreuzten Beinen auf dem Boden - wie der Tisch unter ihm ebenfalls. Das Ding war mit lautem Getöse der Erdanziehung erlegen und lag nun horizontal und hinterließ eine vage Ahnung von Statik. Eine kleine Staubwolke umgab beide: der Mensch noch mit dem Zollstock in der Hand, eine Schraube des Tisches rollte unter die ausgesuchte Gartenbank. Dann Stille.

Einen Wimpernschlag später ertönte eine Sirene. Ohrenbetäubender Lärm. Ein Scheinwerfer richtete sein Licht auf uns. An den Ausgängen des Baumarktes rasselten Eisenrollos mit schäpperndem Lärm herunter. Instinktiv hob ich die Hände, ergab mich, schaute nach links und rechts, am Boden festgenagelt. Als plötzlich von allen Seiten eine Armee an Baumarktmitarbeiterinnen und -mitarbeitern in ihren blau und gelben Corporate-Identity- Shirts auf die Empore gestürmt kam. Im Anschlag und auf uns gerichtet ihre grellbunten Softair-Gewehre, munitionsgeladen für einen Erstschlag, der uns schnell außer Gefecht setzen konnte. In zweiter Reihe die Mannschaft mit einem bunten Waffenarsenal aus dem Regal der Heimwerker: vierzackige Forken, umgerüstete Brauseköpfe mit Nagelmunition, handgedrechselte Holzbaseballschläger, Teppichschneider als Aufsätze an Gartenteichkeschern. Wir waren hoffnungslos unterlegen.

Der Anführer schob das Visier seines Helmes nach oben, befahl uns an die Reeling des Balkons zu stellen, breitbeinig, die Hände schön nach oben, so sein Kommando. Er untersuchte das erlegte Wild, den Tisch und deutete seinen Kollegen mit einer Handbewegung, da sei nichts mehr zu machen. Unter uns hatten sich die Restbesucher des Paradieses versammelt, starrten uns an, ängstlich, hasserfüllt, alles dabei. Wir waren die Bösen, die es gewagt hatten, die heiligen Hallen zu schänden. Lyncht sie, sah ich in vielen Augenpaaren. Dann mussten wir die Treppe hinunter gehen, vor uns Eskorte, hinter uns Eskorte, die Spitzen der Knarren und Peacemaker nur Zentimeter von unserem Rücken entfernt. Wir stolperten den grauen Estrichgang entlang. Wo sie uns wohl hinbrachten? Hatte dieser Satellit des modernen Stadtstaates etwa auch ein Gefängnis? Im Heimwerkerformat selbst entworfen? Ich wagte nicht, zu meinem Mann hinüber zu sehen, der Schweiß stand mir auf der Stirn. „Vorwärts!“, hörte ich und stolperte weiter.
Gerne hätte ich geträumt, mir folgendes Ende gewünscht: Als ich endlich hochschreckte und mein Mann mit dem Autoschlüssel in der Hand vor meinem Gartenstuhl stand und mich weckte. „Komm, wir müssen noch die Gartenbank für Deine Mutter kaufen“, sagte er. „Fahr besser allein – und nimm Deinen Ausweis mit“, wäre meine Antwort gewesen.

Aber der Alptraum war echt. Keine Spur von Aufwachen. Mit einem letzten Stoß in den Rücken wurden wir in einen schallgedämmten Raum geführt, die Geräusche verhallten merklich. Direkt auf grelles Scheinwerferlicht zu, das uns blendete. Da kannte sich einer aus mit Leuchtmitteln. „Setzen!“, folgte ein kurzer Befehl. Wir tasteten nach der angewiesenen Sitzmöglichkeit, wahrscheinlich ein Restposten aus dem Holzsortiment. Ohne Polster. In Demutshaltung lauschten wir der Stimme aus dem off, sehen konnten wir immer noch nichts. In professioneller Befehlstonlage nahm ein Mann unsere Personalien auf. Widerspruch war zwecklos, ich fürchtete sonst standrechtlich auf einem Baumarktprovisorium am Galgen hingerichtet zu werden. „Nach dem aktuellen Baumarktgesetz, verabschiedet durch den Deutschen Bundestag am 1.1.2010 sind Sie verpflichtet, den hier entstandenen Schaden mit sofortiger Wirkung zu begleichen, einschließlich einer Verwaltungsgebühr von 3 Prozent der Schadenssumme.“ Unverzüglich zückte ich meine Kreditkarte und beglich die 249 Euro inklusive Steuern und Schmerzpauschale. Alles wortlos, blind blinzelnd. Lediglich das Surren einer Lüftungsanlage war zu hören. Dann wurden wir aufgefordert, das Kundenverhörbüro in Richtung Ausgang zu verlassen. Wir folgten. Erreichten das plexiglashelle Verkaufsgelände, sahen unbescholtene Kunden unwissend ihre Einkaufswagen schiebend, die uns anstarrten. Gott, wie sahen wir wohl aus, kalkweiß im Gesicht. Wir passierten den Kassenbereich, schnellten auf den ersehnten Ausgang zu, da rief uns eine weibliche Altstimme nach: „Halt! Bitte kommen Sie zurück.“ Mit erhobenen Händen drehte ich mich um und ging ein paar Schritte zurück zur Kassenschranke. Eine dienstälteste Kollegin der Baumarktkette hielt mir mit einem kundenorientierten Lächeln einen Zettel hin: „Sie haben Ihre Bewertung für unseren Kundenservice nicht ausgefüllt. Wenn Sie uns den Fragebogen der Kundenzufriedenheit ausfüllen, nehmen Sie automatisch an einem Preisausschreiben teil.“

Montag, 11. April 2011

Nach Hause

                                                                        
Feierabend. Ich fahre nach Hause
durch den Tunnel, Hauptverkehrsstraße
ziemlich schnell
schaue in den Rückspiegel
hinter mir ein Auto mit polnischem Kennzeichen
kann ich gerade noch erkennen
der Pole fährt sehr nah auf
neben ihm sitzt ein Beifahrer
merkwürdige Körperhaltung
er ist auf dem Sitz nach hinten geklappt
leblos widerstrebt er jeder natürlichen Fahrbewegung

Zeit nach vorne zu schauen
dann muss ich bremsen
abrupt
mein polnischer Hintermann auch
ich komme zum Stehen
der hinter mir auch – es kracht ziemlich laut
er ist mir mit Wucht auf die Karre gefahren
Stille, Staub

ich steige aus, mein Nacken schmerzt
Energie hängt in der Luft
mein Hintermann steigt auch aus
er ist Mitte 50 und ganz grau
leichenblass um die Nase
Ist ihnen was passiert?
Ich frage ihn Gleiches
auf der Rückbank seines Wagens entsteht Bewegung
eine alte hutzelige Oma steigt aus
sie sagt nichts
ihr ist nichts passiert
sie streicht ihr Kopftuch glatt

der Dritte im Auto, der Mann vom Beifahrersitz regt sich nicht
Ist ihm etwas passiert?
der Pole vor mir antwortet nicht
ich schaue nach, linse ins Auto
der Alte setzt mir nach
nein, kein Problem, beeilt er sich
 - der ist schon tot!
ich ziehe die Augenbrauen hoch
was?

Das ist mein Vater, so der Graue
ist zu Besuch in Deutschland
gestern Abend gestorben
der Doktor war schon da
aber Vati wollte nach Hause
nach Polen
begraben in Heimat
die Überführung ist teuer
das Auto ist billiger

Ich nicke 
wir hören Sirenen
jemand hatte 110 gewählt
wir blockieren die ganze Fahrbahn
Stau und Stillstand
ich muss mich setzen
ich will nach Hause
der Großvater auch

Samstag, 5. Februar 2011

Julia und Nicht-Romeo

Gestern Nacht stand ich kurz vor Mitternacht an verabredeter Stelle. Nein, kein Rendez-vous. Ich wollte meinen Sohn abholen. Es war ziemlich dunkel in der Straßenzeile. Der Wind fegte durch die Gasse. Laub und Müll flogen durch die Luft wie Geisterspielzeuge. Vor Müdigkeit konnte ich kaum noch meine Augen offen halten. Aber ein versprochener Fahrdienst ist eben ein Versprechen. Das kennen wohl Millionen Mütter auch: für die lieben "Kleinen" fährt man gerne auch um die halbe Welt. 

Um mir die Zeit zu vertreiben, zählte ich rückwärts von 100 bis Null als Ziel. Bei 76 angekommen, wurde plötzlich die Beifahrertür aufgerissen - mein Sohn konnte es nicht sein, den hätte ich von vorne kommend sehen müssen. Blitzschnell saß dieser Jemand neben mir auf dem Fahrersitz mit den Worten "Oh Schatz, ich wusste, dass Du mich retten würdest...." Die Wagentür fiel ins Schloss zurück. Adrenalin pur, mein Blut stockte in den Adern. Gedanken konnte ich nicht denken. Dann sehen wir uns direkt in die Augen: Eine mir völlig unbekannte junge Frau und ich. Mitten in der finsteren Nacht. Unvermittelt zusammen in meinem Auto.
Ihr ging es genauso wie mir: Panik. Sie zuckte zurück, ich zuckte zurück. "Oh", schrie sie. "Ähm", sagte ich. "Oh Gott", kam es wiederum von ihr. Ich erholte mich langsam: "Ich bin sicher nicht ihr Schatz - und retten muss sie wohl ein anderer." "Ich hab´mich total vertan. Schuldigung", sprach síe und riss die Tür auf, um genauso schnell wieder auszusteigen, wie sie eingestiegen war. 

Ratlos und mit dem Gefühl, ich hätte geträumt, schaute ich einen Moment auf die dunkle Strasse vor mir. Dann öffnete ich die Fahrertür und stieg aus. Suchte nach der zu rettenden "Julia", die fälschlicherweise in mir ihren Romeo gesehen hatte. 

Sie stand vor einem Hauseingang und kramte einen Schlüssel aus der Tasche. Wohnte sie dort? Vermutlich hatte sie aus dem Fenster geschaut und mich verwechselt. Liebe macht blind, dachte ich und sprach sie an: "Meine liebe Julia, vielleicht sollten sie das nächste Mal besser aufpassen, zu wem sie sich ins Auto flüchten. Muss ja nicht immer ein Romeo oder eine Mutter drin sitzen." Keine Antwort. Verlegenes Grinsen, ein Blick zu Boden und schon war sie im Hauseingang verschwunden. Eine Sekunde später ging die Hausbeleuchtung aus. Dunkelheit umgab mich. Ich stieg wieder ein. Verriegelte diesmal die Tür von innen. Wenige Minuten später kam mein Fahrgast. "Was ist los?", fragte er mich. "Nichts", war meine Antwort. Immer noch blass um die Nase. "Ich habe nur gerade ein Gespenst gesehen. Das hieß Julia." Vor mir fegte der Wind das alte Herbstlaub vom Vorjahr in kleinen Wirbeln über den Asphalt.